Seinen 99. Geburtstag am 23. Oktober konnte Ned Rorem noch gebührend feiern. Nun ist der US-amerikanische Komponist und Literat am 18. November 2022 in New York gestorben.

Rorems Eltern waren Quäker. Die Lieder in deren Gottesdiensten waren die ersten musikalischen  Erfahrungen Ned Rorems (darauf wird sich sein späterer Liederzyklus "A Quaker Reader" beziehen), andere, die ihn prägten, war die Musik von Claude Debussy und Maurice Ravel.

Früh manifestierte sich seine kompositorische Begabung, worauf seine Eltern ihn zu einem Studium an der Julliard School und in Tanglewood drängten.  
Prägender indessen waren die neun Jahre danach, die Rorem ab 1949 in Frankreich und Marokko lebte.  Allerdings studierte er dort nicht bei Nadia Boulanger Komposition: Sie, die so viele US-amerikanische Komponisten ausgebildet hatte, lehnte ihn ab. Sie würde seine Begabung verfälschen, meinte sie. So nahm Rorem bei Arthur Honegger Unterricht – und blieb ganz er selbst. Erst 1958 kehrte er in die USA zurück, als sich das dortige restriktive Klima in Bezug auf Homosexuelle zu wandeln begann.

Prickelnde Tagebücher

Rorem lebte nicht nur offen homosexuell, er verschwieg auch nichts in seinen Tagebüchern, die er veröffentlichte. Diese Tagebücher mit Anmerkungen zu seinem Leben als Homosexueller, zu Problemen mit Alkohol und mit oft scharfzüngigen Porträts von Künstlern und ihren Trabanten sind von beispielloser Brillanz.

Veröffentlicht wurde auch Rorems Briefwechsel mit dem Schriftsteller Paul Bowles, in dem sich beide aufgrund ihrer Mehrfachbegabung durchaus verwandte Künstlerpersönlichkeiten (Bowles war auch Komponist) als Meister der geschliffenen Formulierung erweisen.

Speziell das erste von Rorems Tagebüchern, das "Paris Diary" (1966), war ein Skandalerfolg. Niemand nach Oscar Wilde konnte Bonmots so prägen wie Ned Rorem: "Ich verehre auch Wagner, solange ich ihn nicht hören muss", oder: "Das Ende einer Liebe ist wie Ravels ,Boléro' rückwärts gespielt", oder: "Wie allen großen Komikern, mangelte es Charlie Chaplin an Humor". Vor allem aber erscheint dieses aufgezeichnete Privatleben wie eine Erzählung über Sex und Selbstzweifel. Es machte Rorem zu einer Ikone der Homosexuellenbewegung. Die Tagebücher Rorems gelten als wesentliche Beiträge zur autobiografischen Prosa US-Amerikas.

Die Melodie beherrscht alles

Als Komponist war Rorem von Anfang an bemerkenswert eigenständig: Er komponierte in einem Idiom, das zwar dissonant gewürzt war, die Dur-Moll-Tonalität aber beibehielt. Die Zwölftontechnik lehnte Rorem vehement ab. Über deren wesentlichsten Propagandisten schrieb Rorem einmal: "Wenn Russland Stalin und Deutschland Hitler hatte, hat Frankreich immer noch Pierre Boulez."

In den 1960er und 1970er Jahren näherte sich Rorem freilich modalen und atonalen Bildungen, ehe seine Musik wieder zu einem dissonant gewürzten Lyrismus zurückfand.

Rorem geht als einer der produktivsten Liedkomponisten in die Musikgeschichte ein. Doch es wäre falsch, über Meisterwerken wie "The Nuntucket Songs", "Evidence of Things Not Seen" oder "The Lordly Hudson" seine vier Symphonien, Orchesterwerke wie "Lions" und "Eagles" oder die zahlreichen Konzerte zu übersehen.

Orchesterwerke wie Lieder

Rorem entwickelt dabei viele seiner Orchesterwerke und Konzerte liedartig auf der Basis mehrerer in sich abgeschlossener von der Melodie bestimmter Sätze. Das knapp halbstündige Violinkonzert etwa hat sechs Sätze, der Solopart verzichtet auf Doppelgriffe und agiert, nichts desto weniger virtuos, als rein melodische Stimme. 

"Miss Julie" nach August Strindberg und "Our Town" nach Thornton Wilder sind die beiden abendfüllenden unter Rorems zwölf Opern, in denen lebendige  Rhythmik, raffinierte Akkordik und farbintensive  Instrumentierung alle als Träger einer sinnfällig erfundenen Melodie dienen.

Dass Rorem in die Geschichte der US-amerikanischen Kultur eingehen wird, steht außer Zweifel. Fraglich ist nur die Inkarnation. Schließlich war Ned Rorem als Komponist wie als Literat eine überzeitliche Erscheinung.