Der beste Komponist der sogenannten "Goldenen Operette" war nicht Johann Strauß. Franz von Suppè war es - und wer daran zweifelt, vergleiche Strauß‘ Meisterwerk "Der Zigeunerbaron" mit Suppès "Boccaccio".

Suppé, mit Accent Aigu, schreibt man ihn fälschlich (sogar auf dem CD-Cover) - doch der Irrtum passt zur mediterranen Frische dieser Musik, zur französischen Färbigkeit und zur italienischen Melodik des in Split geborenen Altösterreichers.

Neben Opern, Operetten und Kirchenmusik hat Suppè rund 138 Bühnenmusiken für Lustspiele, Possen und Schwänke komponiert. Besonders beliebt waren im Wien des 19. Jahrhunderts sogenannte "Lebensbilder", quasi biografische Stücke.

Franz von Suppé
Franz von Suppé

Eines davon war der 1854 uraufgeführte "Mozart" von Leonhard Wohlmuth. Für die vier Stationen komponierte Suppè eine brillante Collage aus Werken Mozarts und Stilimitationen. Es ist einfach hinreißend, wie er Mozarts Musik umdeutet und mit der Raffinesse seiner eigenen Zeit koloriert. Der Zuhörer verwandelt sich in einen Mozart-Detektiv: Das ist doch aus. . . Und wo stammt jetzt das her? Hinreißend!

Engelbert Humperdinck
Engelbert Humperdinck

Vielleicht noch schöner: Die Musik zu "Die Reise um die Erde in 80 Tagen". Wieso Jules Vernes Meisterroman keinen Weg auf die Opernbühne gefunden hat, ist eines der Musiktheater-Rätsel. Dafür gibt es diese grandiose Schauspielmusik. Das Stück stammt von Jules Verne selbst in Zusammenarbeit mit einem gewissen A. Dennery, übersetzt von Karl Treumann. 1875, nur zwei Jahre nach der Erstveröffentlichung des Romans, wurde es mit Suppès Musik im Wiener Carl-Theater gezeigt.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.

Die Musik ist ein wahres Wunder: Die Exotismen und Stilanspielungen sind geschmackvoll, der Überfall auf die Bahn ist glänzend, die Szene auf dem Scheiterhaufen erhebt sich zu gespannter Größe. Das Werk schillert und funkelt in allen Farben.

Beide Einspielungen leitet Dario Salvi am Pult des Janáček Philharmonic Orchestra - und das gelingt sensationell: Das Orchester musiziert perfekt mit körnigem Klang. Salvi sorgt für klare Konturen, flotte Tempi und beharrliche Steigerungen. Beide CDs gehören in jede CD-Sammlung.

Engelbert Humperdinck ist einer der unterschätztesten Komponisten aller Zeiten. "Hänsel und Gretel", als Kinderoper missverstanden, hält sich auf den Bühnen, aber weder die symbolistischen Märchenopern "Königskinder" und "Dornröschen" noch die Komische Oper "Heirat wider Willen" konnte sich durchsetzen.

Auf dem beispielhaft entdeckungsfreudigen Label Capriccio liegt nun die Musik zu Maurice Maeterlincks symbolistischem Märchenstück "Der blaue Vogel" vor, das 1976 mit Elizabeth Taylor, nicht aber mit Humperdincks Musik verfilmt wurde. Die CD enthält die Musik sowohl mit gesprochenen Teilen als auch als symphonische Suite.

Das Verständnis einer Musik zu Maeterlinck ist natürlich geprägt durch Claude Debussy und Paul Dukas. Dass Humperdinck bei einem nach-wagnerischen Stil mit Ausblicken in Richtung Richard Strauss und Franz Schreker bleibt, darf man ihm nicht vorwerfen. Es ist eine glänzend gemachte Musik mit intensiven Farben, und dass sie nach deutschem Märchenwald klingt, hat auch einen Reiz. Dirigent Steffen Tast bündelt alle mitwirkenden Kräfte vorbildlich. Ein Muss!