Mehr als 200 Alben hat Jordi Savall bisher veröffentlicht, und er bleibt auch im Herbst des Lebens hochproduktiv. Nachdem der 81-Jährige heuer schon Beethovens Symphonien Nummer sechs bis neun veröffentlicht hat, legt er nun mit seinem Orchester Le Concert des Nations noch die "Unvollendete" von Schubert und dessen letzte, "Große" C-Dur-Symphonie nach.

Wie nicht anders zu erwarten, erscheint auch dieses Doppelalbum auf Savalls Label Alia Vox und ist mit einem fülligen, üppig bebilderten Booklet ausgestattet. Ein Blick ins Beiheft lohnt freilich auch deshalb, weil Savall, der Musikologe und Doyen des spanischen Originalklangs, darin sein ganz persönliches Schubertbild vermittelt: Die Partituren des früh verstorbenen Wieners besitzen für ihn eine hochgradig spirituelle Dimension. In Savalls eigenen, durchaus pointierten Worten: "Bei Schuberts berührt uns sein inniges und brüderliches Verhältnis zum Tod." Diese Vertrautheit, auch mit Leid und Schmerz, sei in die späten Symphonien eingegangen, und fände sich hier musikalisch verklärt.

Jordi Savall, Le Concert des Nations
Jordi Savall, Le Concert des Nations

Entsprechend düster und dräuend gestaltet sich Savalls Lesart streckenweise. Dass sein Concert des Nations auf historischen Instrumenten werkt und die Streicher auf Vibrato verzichten, sorgt ohnehin für ein herbes Klangbild. (Seltsam: Selbst sanfte Vorhalte wirken beizeiten wie scharfe Dissonanzen). Zudem kostet Savall jene Effekte aus, die der "Unvollendeten" Unerbittlichkeit verleihen können: Die Blechakkorde springen einem anfangs wie Faustschläge ins Gesicht, die Streicherfigurationen umflirren den Hörer fiebrig und die Pauke, nun: Die donnert ungefähr so apokalyptisch, wie sich die Trommel auf einer Sklavengaleere in Richtung Ende der Welt anhören müsste. Kurz: Unwirtlicher kann diese Symphonie kaum klingen.

Duo Gazzana
Duo Gazzana

Fragt sich freilich, ob auch der "Großen C-Dur-Symphonie" ein solches Stimmungskolorit steht. Savall legt Schuberts Einstünder wie ein Geschwisterwerk an, betont schon in der Exposition das düstere Potenzial und verdunkelt die lichtvollen Augenblicke, verleiht den Tanzrhythmen des Zweiten Satzes eine sardonische Heiterkeit. Zugegeben, dieser Ansatz hat seine Schwächen: Je länger die Symphonie dauert, je mehr unterspielte Momente des Frohsinns am Ohr vorbeiziehen, desto mehr sehnt man sich nach dem Schmelz und Schönklang eines Romantikorchesters. Was Savall nichtsdestotrotz meisterhaft beherrscht, ist die dramatische Zuspitzung eines symphonischen Schwanengesangs.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.

Das Duo Gazzana bewegt sich auf seinem neuen Album zwischen Romantik und Gegenwart: Die beiden italienischen Schwestern an Geige und Klavier haben sich von dem Esten Tonu Korvits unter anderem die "Stalker Suite" schreiben lassen - keine Hommage an einen Sittenstrolch, sondern an den Regisseur Andrei Tarkovski: Die Stücke bescheren dem Ohr mal blumige Töne mit Dissonanzdornen, mal so etwas wie abstrahierte Volksmusik und Momente fragiler Schönheit. Sehr erquicklich auch Griegs dritte Sonate für Geige und Klavier und das a-Moll-Pendant von Robert Schumann: Delikate Zartheit, gefühlspralles Schwelgen und geschmeidige Lautstärkenverläufe belegen die Klasse dieses Duos.