Es gibt Gespräche zwischen Tür und Angel, deren Folgen einen lange beschäftigen. Die Journalistin Eleonore Büning hatte ein solches Gespräch in den Nullerjahren. Knapp vor Konzertbeginn rauschte sie in einen Saal hinein, suchte einen Platz, wurde vom befreundeten Komponisten Wolfgang Rihm zu sich gewunken. Statt dass der aber mit einem "Hallo" gegrüßt hätte, begann er mit: "Ich habe eine Idee. Du schreibst meine Biografie" Büning stimmte zu, gewissermaßen als Opfer widriger Umstände: Das Konzert, dachte sie, würde gleich starten, das Buchprojekt aber wohl eh nie zustandekommen.

Kam es aber. Zum 70. Rihm-Geburtstag landete es heuer im Handel und widmet dem Komponisten mehr als 300 Seiten. Dass man bereits nach der Hälfte ein facettenreicheres Bild des Protagonisten gewonnen hat als in marktgängigen Künstlerbiografien, liegt an mehreren Umständen. Einerseits an Bünings nahem, doch nicht heroisierenden Blick auf den Komponistenfreund. Andererseits hebt sich dieses Buch wohltuend von dem Trend ab, eine Komponistenbiografie vor allem als gefällige Schnurrensammlung zu gestalten.

Wohl erzählt dieser Band, dass der junge Rihm mitunter die Schule geschwänzt hat, um mehr zu komponieren, dass er dreimal geheiratet hat, dass er ungern alleine ist und isst, dass sich seine Schlagfertigkeit beizeiten nicht durch diplomatische Skrupel hemmen lässt und dass Rihm in den Vorjahren an Tumoren gelitten hat. In der Hauptsache geht es diesem Buch aber um die Gedankenwelt und das Lebenswerk dieses Mannes aus Karlsruhe, der schon als Teenager von sich sagte, er werde ein "weltberühmter Komponist" werden - und der damit recht behielt.

Individualist in Dogmazeiten

Ob Rihms Musik auch Menschen mit Avantgarde-Allergie berührt? Daran mag man zweifeln. Gleichwohl ragt er aus der Masse moderner Tonsetzer heraus: Der Verfasser von mehr als 600 Stücken, allein das ein Wunder, mischt das spröde Vokabular Neuer Musik mit Rückgriffen auf die Vergangenheit. Umso bemerkenswerter: Rihm ist mit diesem Individualstil schon zu einer Zeit aufgetreten, als sich die Komponisten noch in Lagern organisierten und mit dem heiligen Zorn von Gotteskriegern über den richtigen Ansatz stritten. Dass Rihms Musik zwischen Atonalität und Dreiklängen herumhüpfen konnte, war da ein Affront. Der Mann erzürnte aber auch die linke 68er-Jugend, hielt er doch herzlich wenig von Demos und Partys. Rihm im Rückblick: "Ich habe nie in meinem Leben zu einer Schule gehört. Und ich habe auch nie zu einer Marschierrichtung gehören wollen, das war mir immer suspekt."

Gleichwohl stieg Rihm seinerzeit rasch zur Größe auf: Stürmische Stücke wie "Sub-Kontur" (1975) etablierten ihn in Avantgardekreisen, das Musiktheater "Jakob Lenz" erlebte (rekordverdächtig für Nicht-Tonales!) ab 1979 rund 50 Premieren, "Die Eroberung von Mexico" (1992) rund ein Dutzend Produktionen.

Büning thematisiert nicht nur solche Schlüsselwerke, sondern eine Fülle von Rihm-Partituren, erörtert Klangbilder, beleuchtet Hintergründe. Und sie lässt den eloquenten Charakterkopf natürlich immer wieder selbst zu Wort kommen - am Ende in einem launigen Interviewtext, in dem sich Rihm trotz Covid- und anderer Krisen hoffnungsfroh gegenüber der Zukunft zeigt: Er sei "unverzagt, denn noch spüre ich eine Art Unverwüstlichkeit in meinem Wesen, und aus einer gewissen Erfahrung weiß ich auch um die Kräfte der Selbstregeneration."