Eigentlich seltsam: Im Englischen gibt es keine Entsprechung für den deutschen "Heimat"-Begriff. Er ist eine Spezialität unserer Sprache, besitzt Charisma und Bedeutungsfülle, aber auch einen fragwürdigen Haugout: Das Wort ist ein Liebkind nationaler Geister; wer es zu oft im Mund führt, läuft Gefahr, sich in ein rechtes Eck zu rücken.

Der deutsche Tenor Daniel Behle bricht auf seinem neuen Doppelalbum eine Lanze für Heimatlieder und kämpft gegen deren Vereinnahmung für Kitschzwecke und Blut-und-Boden-Predigten. Das mehr als 70-seitige Booklet weist auf so manches Lied hin, das über die Jahre empfindlich geglättet wurde. So birgt etwa die Originalfassung eines deutschen Jägerlieds ("Ein Jäger aus Kurpfalz") nicht nur Wald- und Wiesenfröhlichkeit, sondern auch aufmüpfige Erotik.

Daniel Behle
Daniel Behle

Behle befasst sich auf seinem Album aber nicht nur mit Folklore, sondern klopft verschiedene Musikgenres auf ihren Umgang mit Begriff ab, lässt zwischen den Liedern kluge Gedichte erklingen (rezitiert von Mario Adorf) und erschließt damit eine buntschillernde Facettenfülle.

Da sind einerseits Kunstlieder zu hören: etwa Goethe-Vertonungen von Franz Schubert, wie "Wanderers Nachtlied" mit dem bittersüßen Aroma. Da ist andererseits eine Prachtarie aus dem Wagner-Kosmos vertreten: Die "Gralserzählung", in der der Ritter Lohengrin das Geheimnis seiner Heimat - und damit Identität - lüftet. Behle singt dies mit überirdischer Schönheit und Strahlkraft. Dass er sich auf dem gesamten Album nicht von einem Klavier, sondern vier Hörnern begleiten lässt, mag zwar gewöhnungsbedürftig sein; es verleiht der Aufnahme aber einen roten Faden und gemahnt an Waldromantik, ohne im Kitsch zu versumpfen: Arrangeur Alexander Krampe arbeitet immer wieder mit doppeltem Boden.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.

Ein ganzes Bündel von Liedern verweist dann auf die Horrorjahre des Nationalsozialismus. Darunter ein Lied namens "Ein neuer Frühling wird in die Heimat kommen": Seltsam, aber die an sich frechen Comedian Harmonists hatten den biederen Titel 1933 veröffentlicht - als harmloses Wohlfühllied oder Anbiederung an die neuen Herren? Beklemmend Bert Brechts Gedicht "Die Flucht": karge Zeilen über den Heimatverlust, in den USA von Schicksalsgenosse Hanns Eisler vertont. Zu den bedrückendsten Stücken zählt das "Buchenwald-Lied": Die Lagerinsassen Fritz Löhner-Beda und Hermann Leopoldi hatten es als Durchhaltehymne verfasst.

Was blieb nach dem Weltenbrand vom Heimatbegriff? Behle singt auch davon: In Deutschland keimt Hoffnung auf einen Neuanfang auf, mit zwecknaiven Schlagern wie "Und über uns der Himmel". In Österreich macht sich Chansonnier Georg Kreisler einen Mordsspaß daraus, ätzende Kitschparodien zu verfassen - wie seinen Walzer "Wien ohne Wiener". Behle singt ihn mit der gebotenen Hinterfotzigkeit: "Wie schön wär Wien ohne Wiener / ein Gewinn für den Fremdenverkehr. / Die Autos ständen stumm / das Riesenrad fiele um / und die lauschigen Gässchen wär’n leer!"