Sitzt man bei einem Orchesterkonzert in der vierten Reihe, eröffnen sich ungewöhnliche Perspektiven. Leider: Ein gutes Klangbild gibt’s hier nicht. Die Töne und Timbres der Orchestergruppen durchmischen sich erst einige Reihen weiter hinten. Erst dort beginnt der Ohrenzauber der europäischen Kunstmusik, seine Wirkung zu tun; erst dort lässt sich beurteilen, ob der Dirigent - am Montag Teodor Currentzis im Konzerthaus - die Lautstärken seiner Streicher, Holz- und Blechbläser sorgfältig ausbalanciert, ob er die Klangfarben raffiniert mixt.

Die Sitzreihe Nummer vier eröffnet dafür aber gewissermaßen Zugang zu einem Mikrokosmos. Hier kann das Ohr einzelne Orchestermusiker deutlich voneinander unterscheiden - und damit einen von ihnen zum "Solisten" der subjektiven Wahrnehmung erheben. Am Montag hatte sich das eine Zweite Geigerin mit langem, schwarzem Haar und unendlicher Verve verdient: Die legte sich leidenschaftlich in die Melodiekurven von Strawinskis "Sacre du Printemps", war selbst mit Feuereifer dabei, wenn es in Ravels "Boléro" Begleitnoten zu zupfen galt, und sah nur kurz bang auf, als dem Soloflötisten scheinbar ein Fehler passiert war.

Blickte man derart durch die Reihen des SWR Symphonieorchesters im Wiener Konzerthaus, drängte sich ganz allgemein die Beobachtung auf: Hier war eine Hundertschaft von Menschen zwar mit zwei abgelutschten Werken befasst, widmet sich denen aber mit Spielfreude und Klangkultur - nicht zuletzt in den exponierten Linien solistischer Bläser.

Apropos Solo: Das virtuoseste hatte Yulianna Avdeeva absolviert, die anfangs mit der Toccata-Motorik und den atonalen Kaskaden von Prokofjews Zweitem Klavierkonzert glänzte und zum allgemeinen Entzücken eine gefällige Petitesse des Ukrainers Walentin Sylwestrow nachreichte.