Der Jazz, so sagt man, habe die Entwicklung der Klassik im Eiltempo nachvollzogen: In nur 50 Jahren habe er sich von einer tonalen Musik zu einer komplexen Klangsprache gesteigert. Das ist zwar eine Vereinfachung, aber nicht falsch. Rund um 1950 - ein halbes Jahrhundert, nachdem die Ursuppe des Jazz in New Orleans erste Blasen geworfen hatte - trat der sogenannte Third Stream auf die Bildfläche: Komponisten wie Gunther Schuller begannen, den Jazz mit Vokabeln der zeitgenössischen Klassik anzureichern, schrieben Partituren, die "das Beste aus beiden Welten" vereinen sollten. Parallel dazu liebäugelten auch Jazz-Ikonen mit einer Annäherung an die sogenannte E-Musik, darunter Miles Davis: Der ließ seine Trompete von den impressionistischen Arrangements Gil Evans’ umschmiegen und brachte so unter anderem die "Sketches of Spain" heraus. Der Trend hatte jedoch eine kurze Laufzeit: Rund um 1960 war die einschlägige Begeisterung schon verflogen.

Endgültig verschwunden sind solche Andock-Manöver zwischen Klassik und Jazz damit aber nicht. Ein Prachtbeispiel im Sinne des "Third Stream" liefert nun Chris Torkewitz mit einem neuen Album. Der deutsche Komponist und Jazz-Bläser, Jahrgang 1975, hat seit seinem Studium enge Bande zum Mutterland des Jazz geknüpft und dort eine Reihe eigener Stücke für Kammerorchester aufgenommen.

Chris Torkewitz NY Ensembles (goschart music)
Chris Torkewitz NY Ensembles (goschart music)

Torkewitz’ Musik scheint überwiegend in der klassischen Sphäre angesiedelt: Die meisten Töne wirken skrupulös ersonnen, die Orchestrierung mutet zart an, fragil und schillernd, oft näher an der Zweiten Wiener Schule oder an Béla Bartók als an einem Jazzidiom. Ein Kleinod etwa das Kammerstück "Farbtöne": Der Sechsminüter beginnt mit einem elegischen Tonfall, fesselt das Ohr mit säuselnden Holzbläsern und linienartigen Kurzmotiven, schrammt immer wieder an der Grenze der Tonalität. Und der Jazz? Mischt sich raffiniert hinein. Unverhofft verdichtet sich das Klangespinst zu einem tänzerischen Groove, über dem die Klarinette mit ihrer Improvisation fröhliche Arabesken zieht. Es sind nicht zuletzt diese raffinierten Übergänge zwischen einem (sublimierten) Musikantentum und einer auskomponierten Kopfmusik, die dieses Album zum Ereignis machen. Ein fordernder, fulminanter Grenzgang.

Víkingur Ólafsson From Afar (DG)
Víkingur Ólafsson From Afar (DG)

Wie schon auf seiner CD "Debussy - Rameau" wandelt der Pianist Víkingur Ólafsson auf seinem neuen Doppelalbum zwischen stilistischen Welten. Diesmal pendelt er unter anderem zwischen der Kontrapunktik von Johann Sebastian Bach, dieser Himmelsmechanik in Tönen, der Schwärmerromantik von Brahms und Schumann und einer Auswahl aus dem "Játékok"-Zyklus ("Spiele") des Zeitgenossen György Kurtág. Allen Stücken ist gemein, dass sie sich in einem aquarellierten Sound präsentieren und wie von einem Windhauch hergeweht scheinen - als hätte der Isländer sein Instrument irgendwo in den waldigen Weiten seines Heimatlandes aufgestellt. Gesteigert wird dieser weltverlorene Eindruck noch auf der zweiten CD. Die bietet das gleiche Repertoire, aber nun auf einem Pianino mit Filzdämpfung gespielt. Klanglich dünn, emotional verblüffend kräftig.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.