Viele im Westen haben die Musik des russischen Komponisten Eduard Nikolajewitsch Artemjew gehört - doch den wenigsten ist sie als Musik ins Bewusstsein gedrungen. Denn Artemjews zentrales Schaffen ist Musik zu Filmen - allerdings zu welchen Filmen! Zu einigen der großen Meisterwerke des russischen Films hat Artemjew die Musik geschrieben: Etwa zu "Solaris", "Der Spiegel" und "Stalker" von Andrei Tarkowski etwa, zu Nikita Michalkows "Der Barbier von Sibirien" und zu "Urga" desselben Regisseurs. 

Doch während im Westen Artemjews Name weitestgehend auf die Vor- und Nachspänne von Filmen beschränkt blieb, war er in seiner Heimat auch als Komponist für den Konzertsaal ein Begriff. 

Der am 30. November 1937 zufällig in Nowosibirsk geborene Komponist (seine Eltern waren lediglich auf der Durchreise) studierte zuerst an der Chorkunstakademie Moskau, danach - ganz klassisch - Komposition bei Juri Schaporin und Nikolai Sidelnikow am Moskauer Konservatorium.

Elektronische Klangwelten

Bereits in den 1960er Jahren entwickelte Artemjew ein Interesse an elektronischer Klangerzeugung. Ihm kam zugute, dass der sowjetische Ingenieur Jewgeni Mursin den ANS-Synthesizer (ANS abgekürzt für den Namen des Komponisten Aleksander Nikolajewitsch Skrjabin) entwickelt hatte. Mit diesem Gerät begann Artemjew zu experimentieren und avancierte bald zum ersten Elektronik-Künstler der Sowjetunion - und mehr noch: zu einem international gefragten und oft imitierten Pionier dieser Richtung.

Artemjews ineinander verfließenden Klangwelten, die von Bruitagen zu überirdisch verzückten Klängen reichten, unterstrichen perfekt nicht nur den Charakter der Tarkowski-Filme mit ihren langen Einstellungen und wortkargen Dialogen, sondern kamen überhaupt dem neuen Kino der Sowjetunion und später Russlands zugute: Filme wie "Sibiriade", "Die Stadt Zero", "12", "Soweit die Füße tragen" (Remake 2001) oder "Die weißen Nächte des Postboten Alexej Trjapizyn" sind undenkbar ohne die Musik Artemjews.

Musik für den Konzertsaal

 

Doch Artemjew komponierte auch für den Konzertsaal: Sein Stil war eine virtuose Mischung aus Elementen der Avantgarde und Harmoniesätzen, die man als "typisch russisch" empfindet. Bisweilen, scheint es, versuchte er auch Vorstellungen von synthesizer-erzeugten Klängen auf die herkömmlichen Instrumente zu übertragen, und er erweiterte seine Instrumentarien um Instrumente aus dem Bereich der Rock- und Popmusik.

So entstanden einige bemerkenswerte Kompositionen, etwa das "Requiem", das der Komponist, der Christentum und Buddhismus in seinem Glaubensvorstellungen vereinte, als Höhepunkt seines Schaffens betrachtete. Auch an einer Rockoper nach Fjodor Dostojewskis "Schuld und Sühne" arbeitete Artemjew. 

Anfang Dezember 2022 wurde der Komponist mit einer SARS-CoV-2-Infektion in ein Moskauer Krankenhaus eingeliefert. Wie nun bekannt wurde, ist er am 29. Dezember im Alter von 85 Jahren an den Folgen der Infektion gestorben.