Alle Menschen lieben die Wiener Philharmoniker am 1. Jänner. Alle? Nun: Fast alle. Jedes Jahr macht sich ja auch ein Grüppchen Kritiker bemerkbar. Menschen, die sich mit verlässlicher Empörungslust über gewisse Details jenseits der Strauß-Walzer echauffieren. Menschen – das muss man allerdings auch sagen –, die in gewissen Dingen nicht ganz unrecht haben.

Immerhin bieten die Wiener Philharmoniker ihren Gegnern rund um Silvester eine gewisse Angriffsfläche. Jahr für Jahr fühlt sich das Spitzenorchester sichtlich wohl in seiner Rolle als globaler Hoffnungsspender. Nicht zu unrecht: Kein Orchester dringt für eine globale TV-Übertragung so tief in die Lebensrealität von Millionen Menschen ein. Aber wäre es da nicht auch angemessen gewesen, der Welt ein Ende des Ukraine-Krieges zu wünschen? Leider: Den Philharmonikern kommt bei ihrem globalen TV-Event nichts Konkretes über die Lippen. Alljährlich sprechen sie rund um das Konzert die gleichen sanften Worte, von "Friede", "Freude", einer "starken Botschaft". Das setzte sich heuer in der Grußbotschaft auf der Bühne fort. Die bestand aus einem kurzen Nietzsche-Zitat ("Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum") und ein paar Worte voller "Optimismus". Wer der Menschheit Hoffnung spenden will, könnte zumindest ein wenig konkreter auf ihre Probleme eingehen.

Frauenthema lässt Stimmung sinken

In diese Kategorie fällt auch das Thema Geschlechtergerechtigkeit. Wann, fragte ein spanischer Journalist bei der philharmonischen Pressekonferenz Ende Dezember, wird eine Frau das Neujahrskonzert leiten? Die Stimmung trübte sich daraufhin markant ein; ja, man wurde das Gefühl nicht los, die Musiker empfänden die Frage eher als Schikane denn als Produkt von berechtigtem Wissensdurst. Die Antwort von Orchester-Vorstand Daniel Froschauer: "Wir werden eine Dirigentin haben, wenn die Zeit kommt." Und wann ist die Zeit dafür reif? Die Philharmoniker bieten einem Dirigenten erst dann das Pult am Neujahrstag an, wenn die Zusammenarbeit zumindest zehn Jahre lang gediehen ist, ergänzte Froschauer. Womit er zwischen den Zeilen sagte: Eine solche Dirigentin kennen die Philharmoniker bis heute nicht. Dirigent Franz Welser-Möst war im Anschluss daran sichtlich um Aufklärung bemüht, warum es am 1. Jänner einer Leitungsperson mit profunder Erfahrung bedarf. Das Walzerrepertoire, so Welser-Möst, sei wegen seiner kleinteiligen Strukturen und der vielen Tempowechsel tückisch. Zudem: Scheitert der Dirigent bei diesem Konzert, tut er dies gewissermaßen vor der ganzen Welt – was seine Karriere vernichten könnte.

Kritik an "misogynen" Aussagen

Nun war die Stimmung in diesem Moment zwar etwas angespannt. Es wäre aber verfehlt, darin einen Akt grimmiger Frauenfeindlichkeit zu orten. Genau das tut allerdings Ursula Berner, Kultursprecherin der Wiener Grünen. Vier Tage nach dem Neujahrskonzert monierte sie, in den Aussagen Welser-Mösts und Froschauers stecke Misogynie und – damit nicht genug – "Unwissenheit über die Situation von Musikerinnen". "Frauen", so Berner in einer mahnenden Presseaussendung, "erhalten deutlich weniger Förderungen, haben weniger Auftritte und generieren weniger Einkommen aus ihrem Musikschaffen - der Gender Pay Gap ist katastrophal." Um das Bewusstsein dafür zu schärfen, veranstalten die Grünen am 17. Jänner ab 16 Uhr ein Expertengespräch im Wiener Rathaus.

Natürlich ist jeder Versuch willkommen, die Gleichheit der Geschlechter in der Musikerwelt zu befördern. Es bleibt aber rätselhaft, wieso Berner den Neujahrsmusikern im Musikverein Frauenfeindlichkeit unterstellt. Einfach deshalb, weil die Philharmoniker bis heute keine Frau ans Neujahrsdirigentenpult gestellt haben? Oder, weil sich die – medial kolportierten – Aussagen der Pressekonferenz missverstehen ließen?

Die Stardirigenten sind Männer

Es ist jedenfalls nicht unwahrscheinlich, dass diese scharfe Kritik auch mit einem gewissen Maß an Unwissenheit über die Situation der Philharmoniker zusammenhängt. Und diesbezüglich muss man das Orchester verteidigen. Erstens ist es durchaus nachvollziehbar, dass die Philharmoniker die Leitung ihres weltweit wichtigsten Konzerts ausschließlich in verlässliche, also vertraute Hände legen. Und es ist zum zweiten – im globalen Vergleich – keineswegs überraschend, dass dies bisher nur Männerhände geblieben sind. Denn der Beruf der Dirigentin ist in der Klassikwelt bis heute weit weniger etabliert als etwa die Profession der Geigerin und der Pianistin.

Zwar sind die Maestras mittlerweile öfter anzutreffen als noch vor zehn Jahren, doch noch lange nicht an der Spitze der Zunft angekommen. Zur Verdeutlichung: Keines jener 20 Orchester, die das "Gramophone"-Magazin 2008 als die führenden Ensembles ausgewiesen hat, besitzt bis heute eine Chefdirigentin; tatsächlich kein einziges, vom Amsterdamer Concertgebouw Orchester über die New Yorker Philharmoniker und das japanische Saito Kinen Symphonieorchester bis hin zur Tschechischen Philharmonie. Die Wiener Philharmoniker verzichten bekanntlich seit jeher auf einen Chefdirigenten und laden stattdessen abwechselnd globale Top-Stars – also weitgehend Männer – an ihr Pult.

Kurz: Die Sache ist differenziert zu betrachten. Man tut wohl gut daran, den Philharmonikern noch etwas Zeit für ihr erstes Neujahrskonzert unter weiblicher Hand zu gönnen. Andererseits: Es ist aber auch nicht verkehrt, diesem traditionsfreudigen Orchester etwas mehr Lust am Wandel zu wünschen.