Wien. Dass ein Dirigent über Musik spricht, ist sicherlich altäglich. Dass ein Dirigent beim Wirtschaftsforum in Davos über Teamführung spricht, kommt schon seltener vor - wenn nicht Benjamin Zander überhaupt die eine Ausnahme darstellt. Der am 9. März 1939 in Gerrards Cross (Buckinghamshire, Großbritannien) geborene Sohn jüdischer Emigranten aus Deutschland, der am 23. Juni im Musikverein mit dem New England Conservatory Youth Philharmonic Orchestra Werke von Ludwig van Beethoven und Gustav Mahler aufführen wird, hat zwei Karrieren: Eine als Dirigent so namhafter Orchester wie Philharmonia London, Israel Philharmonic oder den St. Petersburger Philharmonikern und eine zweite als sogenannter Motivational Speaker, also als charismatischer Motivationsredner, der die Menschen seines Auditoriums positiv stimmt und sie überzeugt, zu besonderen Leistungen fähig zu sein. Besonders in den USA sind solche Motivationsredner sehr gefragt - und einer der gefragtesten ist Zander.

Seine musikalische Karriere ist eng mit dem englichen Komponisten Benjamin Britten verknüpft, der auf den hochbegabten Buben aufmerksam wurde und ihn mit seiner Familie während drei Sommern zu sich in seinen Wohnsitz im ostenglischen Aldebourgh einlud. Dort erhielt Zander Musikunterricht von Brittens Assistentin Imogen Holst, der Tochter des durch die symphonische Suite "The Planets" zu Ruhm gekommenen britischen Komponisten Gustav Holst.

Bei Gaspar Cassadó holte sich Zander seine Ausbildung zum Cellisten, danach studierte er an der London University. Wenig später, 1967, unterrichtete er bereits die Interpretationsklassen am am New England Conservatory in Boston und dirigierte das New England Conservatory Youth Philharmonic Orchestra, dem er bis heute verbunden blieb.

Zander hat sich vor allem mit dem Werk von Ludwig van Beethoven und Gustav Mahler sowie der Musik der Spätromantik und der beginnenden Moderne auseinandergesetzt. Sein akribisches Partiturstudium führt oft zu ungewöhnlichen Erkenntnissen. So entdeckte Zander, dass eine widersprüchliche Tempoangabe am Beginn von Mahlers Vierter Symphonie durchaus realisierbar ist und zu einer scheinbaren rhythmischen Ungenauigkeit von verblüffendem Effekt führt.

Ein anderes Mal verglich Zander die Metronomangaben des finalen Tanzes von Igor Strawinskis "Sacre du printemps" in der Partitur und der vom Komponisten erstellten Klavierfassung und stellte fest, dass Strawinski offenbar der leichteren Ausführbarkeit zuliebe für die Orchesterversion ein langsameres Tempo vorschrieb. Zander wagte eine Orchesteraufführung mit dem Tempo der Klavierfassung - und steigerte das Werk in einen exzessiven Taumel, wie es ihn bis dahin noch nicht gegeben hatte. Dementsprechend wurde die darauffolgende Einspielung 1992 in die Liste der zehn bedeutendsten Musikereignisse des Jahres der New York Times aufgenommen.

Die auf der Hand liegende Annahme, dass Zander lediglich ein notengetreuer Werkverwalter wäre, ist jedoch falsch. Das genaue Lesen der Noten ist nur die Grundlage von Interpretationen, deren Leidenschaftlichkeit und menschliche Tiefe sich jedem mitteilen, der sie erlebt.

Dass Zander dabei nicht nur Profi-Orchester sondern auch Jugendorchester und halbprofessionelle Orchester zu Höchstleistungen animiert, versteht sich von selbst: Hier verbindet sich der klug disponierende Musiker mit dem Motivationsredner. Am Ende von Zander-Aufführungen mögen die Musiker vielleicht erschöpft sein. Aber sie wissen auch, dass sie unter der Leitung Benjamin Zanders Außerordentliches erreicht haben.

Musikverein, , 23. Juni 2011: New England Conservatory Youth Philharmonic Orchestra, George Li (Klavier), Benjamin Zander (Dirigent); auf dem Programm stehen Beethovens viertes Klavierkonzert und Mahlers Neunte Symphonie. Karten unter (01) 586 73 08.