Hände hoch: Shel Silverstein als Cowboy. Foto: Flying Fish Records
Hände hoch: Shel Silverstein als Cowboy. Foto: Flying Fish Records

Was machen Kinderbuchautoren, wenn sie gerade keine Bücher schreiben? Manche verdingen sich in sogenannten Brotberufen oder sie schreiben für eine ältere Lesergruppe. Roald Dahl verfasste makabere Kurzgeschichten, Theodor Seuss Geisel, besser bekannt als Dr. Seuss, schrieb Satiren. Der US-Amerikaner Shel Silverstein komponierte Songs und war als Cartoonist und Autor für den "Playboy" tätig.

Der am 25. September 1930 geborene Silverstein hatte 1956, frisch aus der Army entlassen, in der er Cartoons für die Zeitschrift "Pacific Star and Stripes" zeichnete, auf Anraten eines Freundes in seiner Heimatstadt Chicago Playboy-Gründer Hugh Hefner kennen gelernt. Silverstein produzierte für das Herren-Magazin Cartoons und lieferte Reiseberichte aus verschiedensten Orten auf der ganzen Welt. Unter dem Namen "Uncle Shelby" erklärte er der Leserschaft satirisch das Alphabet und die wesentlichen Merkmale des Pfadfindertums. Seine letzte Arbeit für "Playboy" war eine Erwachsenenadoption von Hamlet ("Hamlet as Told on the Street"), die im Jänner 1998 erschien.

182 Wochen auf Bestenliste

Seine Tätigkeit als Kinderbuchautor begann eher zufällig. Ein Freund (der Zeichner und Kinderbuchautor Tomi Ungerer) hatte Silverstein überreden können, Ursula Nordstrom, Leiterin des Kinderbuchbereichs bei Harper Collins, zu treffen. Sein erstes Buch, "The Giving Tree" ("Der glückliche Baum"), erschien 1964, nachdem es zunächst wegen seines traurigen Endes mehrere Jahre auf Eis lag und als unverkäuflich galt. Es folgten weitere Bücher, u. a. "Lafcadio, the Lion Who Shot Back" und "Falling Up" sowie "A Light In The Attic" (alle drei von Harry Rowohlt auf Deutsch übersetzt), das sich rekordverdächtige 182 Wochen in der "New York Times"-Bestenliste halten konnte. Bis heute wurden über 20 Millionen Bücher des kauzigen Amerikaners verkauft, der wegen seiner vielfältigen Talente gerne als Mann der Renaissance bezeichnet wurde.

Populär wurde Silverstein auch als Songwriter. 1969 hatte Johnny Cash bei seinem Auftritt in San Quentin "A Boy Named Sue" vorgetragen. Das Lied eroberte die Country- und Pop-Charts und wurde zu einem der größten Erfolge des "Man in Black". Cash hatte den Song erst eine Woche vorher bei einem gemeinsamen Abendessen mit Silverstein, Bob Dylan, Kris Kristofferson, Joni Mitchell und Graham Nash gehört und war restlos begeistert ( "the most cleverly written song I´ve ever heard" ). Silverstein ließ neben dem Bub namens Sue noch viele weitere sonderliche Charaktere entstehen: die Drogenverkäuferin Penicillin Penny, die ihren Kunden Nummern statt Namen gibt, die Prostituierte Acapulco Goldie, die mit dem Acapulco Gold (ein Synonym für Marihuana) davonläuft, oder die am Leben gescheiterte Lucy Jordan. Unter den Künstler, die diese Geschichten interpretierten, befanden sich Dr. Hook & The Medi cine Show, Marianne Faithfull, Bob Dylan, Emmylou Harris, Jerry Lee Lewis und Marilyn Manson.