Lockenhaus. 30 Jahre Kammermusikfest Lockenhaus: Ein stolzes Jubiläum, zugleich aber auch das Ende der Ära Gidon Kremer, der gemeinsam mit Pfarrer Josef Herowitsch den kleinen burgenländischen Ort zu einer Marke des Kammermusikfreunde gemacht hat. Doch es war während dieser ersten Tage keine Endzeitstimmung zu verspüren.

Als besonders ergiebig erwies sich das Motto dieses Sommers "Kompromisslos-Jung". Das bedeutete nicht nur die gewohnte Präsentation junger Künstler, sondern auch Musik für die Jugend wie etwa Béla Bártoks Duo für zwei Violinen oder "Ma mère l’Oye" von Maurice Ravel in der vierhändigen Originalfassung. Von der Jugend erzählten Robert Schumanns "Kinderszenen", die "Impressions d’enfants" von George Enescu oder das Bläsersextett "Mládi" ("Jugend") von Leoš Janáček, aber auch die interessanten "Kinderhefte" op. 16 des polnischen Komponisten Mieczyslaw Weinberg. Und besonders reich war die Ausbeute bei den Frühwerken großer Meister: Wie viel Witz etwa schon im ersten Streichquartett des 25-jährigen Joseph Haydn; welche Reife im Streichquintett KVB 1/4 des 17-jährigen Wolfgang Amadeus Mozart, welche üppige Leidenschaft im Klavierquartett des gleichaltrigen Josef Suk!

Nachfolge Kremers unklar


Die große Entdeckung unter den jungen Künstlern dieser Tage war das französische Hermès-Quartett mit der schlanken, sensiblen Tongebung seines Primarius Omer Bouchez. Michael Barenboim wurde seinem berühmten Namen unter anderem mit den "Anthèmes" für Solovioline von Pierre Boulez gerecht. Begeisterung erweckte auch der erst elfjährige Vladimir Sint als Klavierpartner seiner Mutter Elisaveta Blumina. Und sensationell in seiner technischen und musikalischen Sicherheit, seiner Klangfülle sang der Mädchenchor "Shchedryk" aus Kiew.

Dazwischen ragte neben Gidon Kremer selbst und der bereits arrivierten Pianistin Khatia Buniatishvili die großartige Bratschistin Kim Kashkashian, eine Mitstreiterin der ersten Stunde, hervor; vokale Kompetenz steuerte Ildikó Raimondi bei. Neu im Programm war ein "Kinderkonzert"; da erzählte, mit passender Musik garniert, der souveräne Michael Dangl von Andersens Nachtigall und dem kleinen Stier Ferdinand.

Und die Zukunft des Festivals? Einigkeit besteht darüber, dass Lockenhaus weiterleben müsse. An der Nachfolgefrage wird gearbeitet; Gidon Kremer selbst spricht von der "Übergabe des Stabes". Aber wer wird diesen Stab übernehmen? Noch ist kein Schiff zu sehen.