„Non una traccia” (nicht eine Spur), hat der Chor aber und aber mal gesungen. „Schuldig ist die Rede, als Lebender verschließt man den Mund.” Langes, betroffenes Schweigen, bevor der Beifall umso entschiedener hereinbrach nach zwei dichten Stunden mit Salvatore Sciarrinos „Macbeth”.

Eine Klang-Exegese der dichtesten Art, die konzertante Begegnung in der Salzburger Kollegienkirche. „Macbeth”, von einem Italiener knapp anderthalb Jahrhunderte nach Verdi noch einmal gelesen,verdichtet, überhöht, nimmt einen gewichtigen Platz ein auf dem „Fünften Kontinent”, in der Moderne-Reihe im Konzertprogramm der Festspiele. Schön, so etwas am Tag unmittelbar nach der Verdi-Premiere programmiert zu finden.

Es ist ein klang-charismatischer Teppich aus leisen, insistierenden Motiven, den Sciarrino da legt. Ein Teppich, auf dem so ganz und gar nicht angenehm gehen ist. Die Luft ist dünn und schneidend oben auf dem Gipfel der Macht. In dutzend- und hundertfach wiederholte ruhige melodische Motive, Haltetöne, Glissandi platzen Akzente des Schlagzeugs. Auch die fast nur subkutan wahrnehmbaren Beiträge von einem unsichtbaren Fernorchester sind imstande, zu irritieren, zu verunsichern.

Ungeheuerliche Abgründe

Ein Kurzzeit-Hineinhören brächte den Befund: Es tut sich ganz wenig in dieser Musik. Dem konzentrierten Zuhörer indes tun sich jäh die Abgründe, die Ungeheuerlichkeiten auf. Es ist eine leise Musik, die uns mit der Nase aufs Grauen stößt.

Otto Katzameier war in dieser von Evan Christ geleiteten konzertanten Aufführung mit dem Klangforum Wien und dem Vokalensemble Nova der Träger der Titelrolle, Anna Radziejewskaja die Lady Macbeth. Auch die Singstimmen sind in Sciarrinos Oper ganz eigen behandelt, sie folgen grundsätzlich einem madrigalesken Verständnis von Deklamation, doch führt das Singen auch unversehens weg von der reinen semantischen Bedeutung: Wortspiel und Tonmalerei quasi in Pendelbewegungen, in amöbenhafter Wandlung.

Sciarrinos „Macbeth” wurde 2002 in Schwetzingen uraufgeführt, es ist zu den Schlüsselwerken der jüngsten Operngeschichte zu rechnen. Nach Salzburg gehört es schon deswegen, weil im zweiten Akt der ermordete Banquos gleichsam als Mozart’scher „Steinerner Gast” erscheint.

Konzert

Macbeth

Von Salvatore Sciarrino

Salzburger Festspiele im Rahmen von „Der fünfte Kontinent”