Berlin. Einen Tag vor seinem 99. Geburtstag ist am Samstag die ostdeutsche Dirigentenlegende Kurt Sanderling in Berlin gestorben. Das teilte sein Sohn Stefan am Sonntag der dpa mit. "Er ist friedlich im Kreise der Familie eingeschlafen", sagte sein Sohn, der ebenfalls Dirigent ist. Simon Rattle hatte Sanderling Senior einen "der prägenden Meister des 20. Jahrhunderts" genannt. "Andere machten Geschichte, ich machte Musik", überschrieb Kurt Sanderling seine Memoiren mit dem Rückblick auf sein Leben in drei Diktaturen vom Nazideutschland über Stalins Sowjetunion bis zu Ulbrichts und Honeckers DDR.

  Sanderling galt als der letzte seiner Generation der großen Dirigenten. Sanderlings Repertoire war reich. Er bevorzugte "weltschmerzliche, philosophisch tiefe, aber innerlich zerrissene Musik", bescheinigten ihm Zeitgenossen.

  Der im ostpreußischen Arys in einer jüdischen Familie geborene Sanderling wurde 1935 aus Nazideutschland ausgebürgert und emigrierte in die Sowjetunion. In dem Land, dem er sein Leben verdankt, musste er auch mit ansehen, was stalinistischer Terror heißt. Neben dem berühmten Jewgenij Mrawinski hatte Sanderling in der Leningrader Philharmonie große Anerkennung erworben.

  In Ostberlin gab er von 1960 bis 1977 als Chefdirigent des jungen Berliner Sinfonie-Orchesters (BSO) seine musikalischen Vorlieben weiter. Aber nicht nur das: Manche Musikkritiker meinten auch, er habe den Auftrag, aus dem eher zweitrangigen Sinfonieorchester ein musikalisches Aushängeschild der DDR zu machen und damit so etwas wie eine Antwort auf die Berliner Philharmoniker mit einem Herbert von Karajan im Westen zu geben, mit Bravour erfüllt. Schon vor der Maueröffnung schätzten die Berliner Philharmoniker Sanderlings Qualitäten. Er musizierte auch mit den großen amerikanischen Orchestern und wurde in Kopenhagen, Zürich, Wien, Paris oder Tel Aviv gefeiert. 1995 ernannte ihn das Londoner Philharmonia Orchestra zum Ehrendirigenten. Selbst zum Taktstock hatte Sanderling letztmals 2002 gegriffen.