Wien.

Bewusste Langsamkeit: Ramón Vargas, Konstante der Opernwelt, hat in seiner Karriere bewusst manche Rolle abgelehnt. - © Release
Bewusste Langsamkeit: Ramón Vargas, Konstante der Opernwelt, hat in seiner Karriere bewusst manche Rolle abgelehnt. - © Release
Der Operntenor und die - lang gezogene - hohe Note: Das ist eine innige Beziehung, aber keine einfache. "Manchmal fühlst du dich gut, aber spürst dann: Oh mein Gott! Ich mach’s lieber kurz. Und manchmal hast du eher ein schlechtes Gefühl, aber am Ende funktioniert’s." Und außerdem diese Erwartungen. "Die Leute sagen: Ich habe die Arie des Rodolfo von allen gehört, von Gigli bis Pavarotti. Da hat jeder eine Meinung."

Ramón Vargas, der solches aus dem Nähkästchen plaudert, stemmt die Bürde mit Erfahrung: 51 ist er, lässt seinen Tenorschmelz seit fast 30 Jahren von der Bühne glitzern. Eine Karrierelänge, die auch mit bewusster Langsamkeit zu tun habe: Man müsse zuweilen nämlich auch einmal nein sagen können - wie es Vargas schweren Herzens tat, als ihm der Dirigent Zubin Mehta vor rund 20 Jahren den Rodolfo anbot. Doch im Gegensatz zur aktuellen Staatsopernsaison habe er sich damals für den "Bohème"-Protagonisten noch nicht bereit gefühlt.

Nun versucht er sich wieder an einer neuen Rolle - wenn auch abseits der Oper. Erstmals erschallt die Stimme des in Wien lebenden Mexikaners bei "Christmas in Vienna". Ob das Event im Konzerthaus nicht etwas kitschig sei? "Für Kitsch halte ich das nicht, es ist eine Tradition." Und außerdem habe das Programm Niveau. Tatsächlich ist es keine reine Ohrwurm-Parade: Erst zum Schluss wird ein Weihnachtslieder-Medley serviert, davor erklingen Festlichkeiten aus der Feder von Komponisten wie Haydn und (erstmals) Wagner, gefolgt von Weihnachtsliedern aus aller Welt. Dass auch Vargas’ gefeierte Kollegin Angela Denoke unter den Solisten ist (Begleitung: RSO Wien, Wiener Singakademie), darf als weiteres Zeichen einer qualitätvollen Eventgestaltung gelten.

CD für die "Passion"


Auf seiner bisher letzten CD werkte Vargas zwar auch in illustrer Runde ("The Opera Gala", Deutsche Grammophon), tadelt die großen Labels aber für ihre Starsucht. Denn was seit den Ruhmeszeiten der drei Tenöre passiert ist, sei "katastrophal". Nun gut: Pavarotti, Domingo und Carreras hätten die Klassik beliebter gemacht. "Aber sie haben so viele CDs verkauft, dass die Plattenfirmen das zum Maßstab erhoben. Was passierte? Es kamen Andrea Bocelli, Paul Potts." Natürlich: Großartige Phänomene wie Anna Netrebko gebe es schon. Aber weil die den Firmen zu rar seien, würden sie versuchen, mehr oder minder selbst Jungstars zu kreieren. "Aber eine Karriere muss man langsam machen. Als die drei Tenöre in den 90ern so berühmt waren, war Domingo in meinem heutigen Alter." Unter den aktuellen Bedingungen sei Vargas für einen Hype zu alt. "Dabei hat ein Sänger in meinem Alter seine besten Momente, weil er Erfahrung hat, sein Instrument kontrolliert. Man braucht keine Stars, man braucht Sänger."

Wiewohl derzeit ohne Plattenvertrag, hat Vargas eine fertige neue Arien-CD in der Tasche. Über einen Vertriebsweg denkt er nach. Wobei er schon weiß, dass das Tonträgergeschäft heute oft nicht sehr lukrativ ist: "Wir machen wohl kein Geld damit, aber wir tun es für die Passion." Über mangelnden Ruhm braucht er trotzdem nicht zu klagen. "Irgendjemand hat einmal gesagt: Bekannt genug, um in einem guten Restaurant reservieren zu können, unbekannt genug, um in Ruhe zu essen."