Nein, ein Jubiläum war nicht der Anlass: Unrunde 138 Jahre ist es her, dass Brahms’ "Variationen über ein Thema von Joseph Haydn" bei den philharmonischen Abonnementkonzerten unter der Leitung des Komponisten uraufgeführt wurden. Ungeachtet dessen stand der Zyklus, von dem inzwischen immerhin bekannt ist, dass sein Thema keinesfalls von Haydn stammt, letztes Wochenende wieder auf dem Programm des "Philharmonischen". Brahms wäre vermutlich über das Dauer-Vibrato der Streicher irritiert gewesen, galt diese Spieltechnik zur Lebenszeit des Komponisten doch als sparsam einzusetzende Verzierung. Dass die Philharmoniker Brahms im Blut haben, stellten sie unter dem Dirigat von Franz Welser-Möst dennoch erneut unter Beweis.

Tadelloser Chor

Ähnliches lässt sich über ihr Verhältnis zu Dvořák sagen, dessen Fünfte Symphonie nach der Pause zu hören war. Weich malten Klarinetten und Streicher das pastorale Klanggemälde des Allegros, satt erklang das melancholische Thema der Celli im zweiten Satz. Zum Höhepunkt geriet indes Brahms’ selten aufgeführtes "Schicksalslied". Der Singverein bestach mit samtweichem Piano, sonorem Forte sowie tadellos betreuten Spitzentönen und bemühte sich im dramatischen zweiten Teil auch erfolgreich um Textdeutlichkeit. Die Eingliederung solch kurzer Chor-Orchester-Werke in gemischte Konzertprogramme, so verriet das Programmheft, entsprach übrigens der Praxis des 19. Jahrhunderts. Wiederum ein Rückgriff auf die Tradition also, und das hier mit durchaus erfreulichem Ergebnis.