Wien. Abergläubische Gemüter könnten von einem Menetekel sprechen: Wenn in rascher Folge mehrere "Winterreisen" den CD-Markt ereilen, kann das nichts Gutes bedeuten, zumal in Krisenzeiten. Schubert selbst hat sein Werk jedenfalls einen "Kranz schauerlicher Lieder" genannt - und damit wohl noch untertrieben. Der Zyklus für Singstimme und Klavier nach Gedichten von Wilhelm Müller ist das Opus magnum des Schmerzes: Vom Ausgangspunkt einer zerbrochenen Beziehung reist ein Wandersmann weniger durch Flur und Au als durch das dunkelschwarze Land seiner Seele. Wut und Trauer, Apathie und Depression, Galgenhumor und Grabeslaune sind die Stationen dieses Ich-Erzählers in 24 Liedern. Kurz gesagt: Wer sich nach dem Genuss dieses Werks nicht in Seelenqualen windet, ist selber schuld.

Eingedenk dieser Umstände wundert es kaum, dass die neueste "Winterreise" auf zwei rabenschwarzen CDs daherkommt - auch wenn die Aufmachung wohl eher an gute, alte Schallplattentage erinnern will. Gar so traditionell ist die Aufnahme aber nicht. Ferruccio Furlanetto, dank seines üppigen Basses eine sichere Bank für jeden Opernabend, geht im fragilen Fach Kunstlied doch ein gewisses Risiko ein: Da ist schon zu befürchten, dass dieses Riesenorgan manche Finesse in Schuberts Schmerzensparcours zertrümmern könnte.

Doch dem ist eher selten so. Wenn Furlanetto niederschmetternde Töne freisetzt, dann meist im Sinne des Textes; und den bedient der 62-Jährige auch durch (überwiegend) effektvolle Modulationen seines Tonfalls. Auf der Opernbühne bleibt Furlanetto insofern, als das Klavier fast aus dem Untergrund zu begleiten scheint - wo Igor Tchetuev aber sublimen Reiz entfacht.

Ganz anders die "Winterreise" des Schauspielers Xaver Hutter und der Musiker Martin Rummel (Cello) und Norman Shetler (Klavier). Schon die Besetzung lässt es ahnen: Mit einem mutigen Hieb hat das Trio Wort und Musik auseinandergeschlagen, als wär’s ein gordischer Knoten. Das Ergebnis schmerzt - aber leider nicht im Sinne Schuberts. Müllers Gedichte erklingen nun plump rezitiert, und die wortlose, wiewohl intensiv gespielte Musik wirkt nur wie ein tröstender Nachhall.

Fruchtbarer ein anderes Besetzungs-Experiment: Die Sängerin Nataša Mirković-De Ro lässt ihre perlenhelle, an Rock und Jazz geschulte Stimme über die Drehleier-Begleitung von Matthias Loibner strömen: eine Winterreise in Richtung Intensität, die indes keine harmonische Nuance des Originals auslässt. Mag das Geklapper der herben Leier auch mitunter nerven: Rein poetisch rief sie schon Müller auf den Plan, weil er zuletzt einen Leiermann spielen lässt - einen Mann, der womöglich den Tod bringt. Oder Erlösung durch die Musik.