Wien. Wer im Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker sitzt, kann sich als Glückspilz fühlen – aber auch als eine Art Edel-Komparse. Schließlich ist der notorisch ausverkaufte Konzertritus nicht zuletzt ein TV-Event für geschätzte 50 Millionen Menschen. Und so wird man im Goldenen Musikvereinssaal dann auch Teil von Echtzeit-Dreharbeiten;  Arbeiten, die heuer umso mehr auffallen, als neben den floristisch behübschten Kameras erstmals eine Camcat fuhrwerkt: eine über den Köpfen schwebende Hightech-Sonde, deren Umtriebigkeit am Seil mitunter schon irritieren kann. Und daran würde wohl auch eine botanische Camouflage nichts ändern.

Delikater Originalklang
Freilich, das Vorrecht des Saalpublikums heißt Aura. Und dass der Originalsound im Musikverein auch heuer exquisit ist, verdankt sich neben der philharmonischen Schönklang-Kompetenz Mariss Jansons. Auch bei seinem zweiten Neujahrseinsatz erfreut der Lette durch Transparenz, feine Detailsichtungen und Lautstärkenuancen, die nicht nur das Ohr stimulieren, sondern auch den Klangentwicklungen dramaturgisch Sinn verleihen. Gewiss: Eine extravagante Neusichtung der Tanzmusikliteratur ist dies nicht. Aber eine Fortführung hoher Neujahrskunst, bei der Subtilität und Schmissigkeit einander nicht ausschließen – wie bei dem samtig surrenden "Danse diabolique" von Joseph Hellmesberger.

Für diese Qualität nimmt man dann auch kleine Schwachstellen in Kauf – wie die unauffällig "Brennende Liebe" von Joseph Strauß. Und es war doch zumindest gewöhnungsbedürftig, dass die erste Konzerthälfte just mit zwei Pasticcios begonnen hat. Auch war da der "Tritsch-Tratsch"-Einsatz der Wiener Sängerknaben auf der Orgelempore eher optisch ein Gewinn, akustisch (jedenfalls im Saal) nämlich nur ein unverständlicher Texthauch. Doch dafür entschädigt prompt der "Wiener Bürger"-Walzer (Carl Michael Ziehrer), dessen Überraschungen genüsslich ausmusiziert werden.

Globale Bezüge
Fast durchgängig ein Gewinn dann die zweite Hälfte mit ihren globalen Bezügen. Da erhebt sich ein "Persischer Marsch" (Johann Strauß Sohn) allmählich wie ein fliegender Teppich, darf Tschaikowskis "Dornröschen"-Ballett kurz grazile Leichtfüßigkeit beweisen, erweist sich die "Carmen-Quadrille" (Eduard Strauß) als pointierte Abkürzung für gestresste Opernfreunde. Große Kunst mit Unterhaltungsmehrwert: Joseph Strauß ist dies gelungen, als er die Ohrwürmer seines "Delirien"-Walzers aus einem wagnerhaften Flirren heraustanzen ließ. Bei Jansons ein organischer Übergang, denn aus dem farbigen Vorspiel entwickelt er einen Walzerreigen von arioser Feinheit.

Und auch Showeinlagen fehlen nicht. Ob Jansons nun bei der Polka "Feuerfest!"  (Joseph Strauß) zwei Ambosse beklöppelt – oder eine orchestrale Dampflok in Hans Christian Lumbyes "Copenhagener Eisenbahn Dampf Galopp" kommandiert: Da erheitern allerlei nostalgische Tschuff-Tschuff-Effekte, da entsendet man zugleich einen Gruß an Dänemark, dessen EU-Ratsvorsitz nun beginnt – und baut so auch eine versöhnliche Brücke zwischen Gestern  und Heute, die gerade einem Neujahrsritual Charisma verleiht. Zuletzt freilich noch ein zarter "Donauwalzer", ein nuancierter "Radetzky-Marsch": Standing Ovations.