Bricht eine Lanze für die finanzielle Absicherung der Alten-Musik-Szene: der Ensembleleiter und Gambist Jordi Savall. - © Lukas Beck
Bricht eine Lanze für die finanzielle Absicherung der Alten-Musik-Szene: der Ensembleleiter und Gambist Jordi Savall. - © Lukas Beck

Wien. Wer prognostiziert, der irrt bisweilen. Wie einst der Chef des Wiener Konzerthauses: Glaubt man Bernhard Trebuch, Ideenlieferant für das 1993 eingeführte Festival Resonanzen, hat Alexander Pereira den Vorschlag noch dankend abgelehnt: Der heutige Salzburg-Intendant habe nämlich befunden, es gebe für Alte Musik nicht genug Publikum. Nachfolger Karsten Witt sah die Sache anders -und reüssierte. So boomte dann auch hier das Geschäft mit jenen steinalten Werken, die spätestens aus der Zeit des Barock stammen und von Fachkräften aus nicht minder betagten Instrumenten gekitzelt werden. Mit Neuland-Gewinn für das Publikum: Das sitzt zwar weiterhin im Klassik-Konzert - bekommt aber nicht die sattsam bekannten Hits des 18. und 19. Jahrhunderts zu hören.

Dass der Aufstieg der Alten Musik mit dem Umstand zusammenhängt, dass die (vergleichsweise) Jüngere halbtotgespielt ist, glaubt auch Jordi Savall, eine der Galionsfiguren der Altertumsentdecker. Gleichwohl sei heute nicht jedes Mitglied der Originaltöner ein Krösus: "In der Musikwelt gibt es eine unausgeglichene Situation. Große Symphonieorchester werden subventioniert, Gruppen der Alten Musik aber nur sehr selten. Dabei wäre es in der Wirtschaft ein Ding der Unmöglichkeit, Audi zu subventionieren, VW aber nicht." Ungute Konsequenz für Jungmusiker im "alten" Genre: Sie müssten erst einmal durch Einzelengagements überleben - "manchmal kommen die, manchmal nicht". Auch in diesem Zusammenhang lobt Savall die Resonanzen, die er fast im Jahrestakt besucht: Nicht zuletzt biete das Festival den Musikern eine gewisse Planungssicherheit.

Auch Savall ist der Erfolg nicht gerade in den Schoß gefallen - zumal in Zeiten, als Barockinstrumente noch eher auf dem Trödelmarkt als im Konzertsaal zu finden waren. Acht Jahre hatte der Katalane Cello studiert, bevor er die Gambe entdeckte - und einen Narren an ihr fraß. Im Alleinstudium durchstöberte er Literatur und brachte sich das Streichinstrument bei. Erst 1976, elf Jahre später, nahm er die erste Solo-Platte auf. Insofern ist er heute skeptisch, wenn es dem Nachwuchs nicht rasch genug gehen kann mit dem ersten Album: "Die halten es für ein Desaster, wenn sie nicht gleich aufnehmen. Doch ohne Vorarbeit lässt sich keine Reife erreichen."

Verkaufsschlager auf CD


An Savalls Arbeitseifer hat sich bis heute nichts geändert. Etwa als Ensemblegründer: Savall und seiner Frau, der jüngst verstorbenen Sopranistin Montserrat Figueras, verdanken sich Ensembles wie Le Concert des Nations und Hespèrion XXI. Savalls Neigung zu einer fröhlichen Wissenschaft macht sich in ausgefeilten Programmen bemerkbar und aufwendigen CD-Projekten: opulenten CD-Büchern, die sich auf mehr als 100 Seiten in die Kulturgeschichte vertiefen - und der Krise am Tonträgermarkt trotzen. Mehr als zwei Millionen CDs verkaufte Savall bisher über sein Label Alia Vox. "Wir nahmen ein hohes Risiko in Kauf, als wir 1998 das Label gründeten. Aber wir können machen, was wir wollen." Dass es sich lohnt, hängt wohl auch mit Savalls hoher Konzert-Präsenz zusammen. Und daran gedenkt er auch als 70-Jähriger nichts zu ändern: "Ich liebe es, neue Orte zu sehen, neues Publikum kennenzulernen."

Festival-Programm

Die 20. Ausgabe der Resonanzen prunkt mit Genre-Stars: Fabio Biondi eröffnet das Alte-Musik-Festival des Konzerthauses am 14. Jänner mit dem Ensemble Europa Galante und Vivaldis Dramma per musica "L’oracolo in Messenia". Den Schlusspunkt setzt eine Woche darauf Jordi Savall: Gemeinsam mit seinem Ensemble Le Concert des Nations lässt er am 22. Jänner ein "musikalisches Europa" erklingen. Dazwischen sind unter anderem die Cappella della Pieta de’ Turchini zu hören, Mala Punica, die Sopranistin Roberta Invernizzi sowie die heimische Formation Schikaneders Jugend, die Wirtshausmusik aus Neulerchenfeld um 1800 kredenzt. Karten unter http://konzerthaus.at.