Wien. (ghjk/dra) Mit seinem Ensemble Le Concert des Nations beschloss Publikumsliebling Jordi Savall die Kette der Highlights, die das Resonanzen-Festival in seinem 20. Jahr auszeichneten. Es wurde in der Tat ein Konzert der Nationen: Lullys pompöse Suite aus "Der Bürger als Edelmann", ein Concerto grosso von Arcangelo Corelli sowie eine Suite von Georg Muffat deuteten die unterschiedlichen Musikstile im barocken Europa an. Aus Sonaten von Domenico Scarlatti hatte der Engländer Charles Avison ein angenehmes Concerto destilliert. Und die musikalischen Scherze von Heinrich Ignaz Franz Bibers "Battaglia" oder Luigi Boccherinis "Nächtliche Musik in den Straßen von Madrid" kostete das Ensemble herzhaft aus.

Aber auch sonst unternahm Savall alles, um die Musik mit größtmöglicher Lebendigkeit darzustellen. Und da er sich von seiner geliebten Gambe nicht trennen wollte, hatte er sich selbst manche (eigentlich nicht vorgesehene) Soli auf den Leib geschrieben. Große Begeisterung dankte dem ebenso vitalen wie homogenen Spiel des Ensembles mit virtuosen Soli des Konzertmeisters Manfredo Kraemer an der Spitze.

Zwei exzellente Konzerte hatten am Wochenende auf dieses Finale vorbereitet: Hiro Kurosaki (Barockgeige) und Wolfgang Glüxam (Cembalo) mit Schätzen aus dem Musikarchiv der Wiener Minoriten; und die vier Herren der Capilla Flamenca mit kunstvoll verästelter Vokalpolyphonie von Matthaeus Pipelare (1450-1515).

Hinterhältiger Amor

Ebenso hörenswert das Konzert der Italienerin Roberta Invernizzi - auch wenn ein Detail in ihrem Programm nicht ganz zum Festival-Motto "In Wien" passen wollte. Als einziger der Komponisten, deren Werke am Freitag zu hören waren, stand Georg Friedrich Händel zu keinem Zeitpunkt im Dienst des habsburgischen Kaiserhofes.

Der musikalischen Stimmigkeit des Abends tat dies jedoch keinen Abbruch. Auch in den Kammerkantaten von Antonio Cesti, Antonio Caldara und Francesco Bartolomeo Conti, die sämtlich am Wiener Hof tätig waren, werden ja wie bei Händel die Tücken eines ebenso hinterhältigen wie tyrannischen Amor effektvoll besungen. Invernizzi stellte ihren dramatischen und in allen Lagen kraftvollen Sopran dabei ganz in den Dienst des Affektausdrucks - wobei eine gewisse Härte dem aggressiven Charakter mancher Stücke durchaus angemessen schien. Wenn aber Töne schlichtweg erstarben, mochte das den Regeln barocker Artikulation entsprechen, nicht aber der landläufigen Vorstellung von gutem Singen.

Am Ende gewann die fesselnde Darstellung wechselnder Seelenzustände gegenüber solchen Bedenken aber doch die Oberhand. Invernizzis Begleiter überzeugten mit einer phantasievollen Gestaltung des Basso Continuo - allen voran Marco Testori, der sein Cello auch in konzertanten Wettstreit mit dem Sopran treten ließ, um diesen im Rezitativ dann wieder in gebrochenen Akkorden allein zu begleiten. Die programmatische Cembalo-Suite von Alessandro Poglietto, die den Ungarnaufstand von 1671 zum Thema hat, bildete ein politisches Kuriosum inmitten dieses alltagsfernen Musikuniversums.