Die Lust am Nicht-Intakten wusste keiner so perfekt umzusetzen wie der deutsche Maler Caspar David Friedrich, etwa in seinem Gemälde "Klosterruine Oybin". - © wikipedia
Die Lust am Nicht-Intakten wusste keiner so perfekt umzusetzen wie der deutsche Maler Caspar David Friedrich, etwa in seinem Gemälde "Klosterruine Oybin". - © wikipedia

"Brite vollendet Sinfonie-Entwurf von Franz Schubert", meldete unlängst die "Kronen Zeitung", und man spürt das Shocking zwischen den Zeilen: Dieser Brite, wie kann er nur fertigstellen, was der nachgerade heiliggesprochene Österreicher unvollendet ließ?

Ja, diese Briten. Zumal ja auch Simon Rattle einer ist, und er hat unlängst mit dem deutschen Bundesjugendorchester Anton Bruckners Neunte Sinfonie aufgeführt - samt dem vierten Satz. Das vom österreichischen Komponisten unvollendet hinterlassene Notenkonvolut hat zwar kein Engländer in eine aufführbare Fassung gebracht, aber ein Landsmann Bruckners war es auch nicht, sondern (fast noch schlimmer als ein Brite) der deutsche Musikwissenschafter und Dirigent Benjamin Gunnar Cohrs in Zusammenarbeit mit den italienischen Komponisten Nicola Samale, Giuseppe Mazzuca und, beinahe ein Brite, Commonwealth ist schließlich Commonwealth, dem australischen Musikwissenschafter John Phillips.

Ungesagtes - Unsagbares

Fragmente sind anziehend, im fragmentarischen Zustand ebenso wie im gleichsam reparierten. Besteht diese Attraktivität in der Verwechslung des oft aus ganz pragmatischen Gründen Ungesagten mit dem Metaphysisch-Unsagbaren? Wird dieses für jenes genommen? Für das große Geheimnis gehalten, das der Künstler nicht enthüllen wollte - oder über dessen Enthüllung er gestorben ist? Vielleicht ist diese Jenseitsahnung ja im unvollendeten Werk enthalten?

Das ist zweifellos auch der Grund, weshalb man Generationen von Musikliebhabern eingeredet hat, Franz Schubert sei über seiner "Unvollendeten" gestorben. Was schlicht falsch ist. Er hat sie liegen gelassen. Wie auch jene Symphonie in D-Dur, die der englische Komponist und Schubert-Forscher Brian Newbould fertiggestellt hat. Schubert war einer der größten Produzenten von Fragmentarischem der gesamten Musikgeschichte.

Wenngleich er es in diesem Punkt mit seinem russischen Kollegen Modest Mussorgski nicht ansatzweise aufzunehmen vermag. Fast sein gesamtes Hauptwerk besteht aus Fragmenten: die Oper "Salammbô" - Fragment; die Oper "Die Heirat" - Fragment; die Oper "Chowanschtschina" - Fragment; die Oper "Der Jahrmarkt von Sorotschinzy" - Fragment.

Irgendwie ist Mussorgski über allen diesen Stücken gestorben, denn seine Ablehnung einer disziplinierten Arbeitsweise führte dazu, dass er "Chowanschtschina" und "Jahrmarkt" gleichzeitig komponierte - und mit keinem von beiden fertig war, als er am 28. März 1881 im Alter von 42 Jahren an den Folgen von Alkoholismus starb. Der geniale Komponist trank sich buchstäblich zu Tode, wahrscheinlich, weil er an seiner Außenseiterrolle als Homosexueller in der konservativen russischen Gesellschaft zerbrach.

Der Torso aller Torsi

Wobei sich die meisten Legenden freilich um den Torso von Wolfgang Amadeus Mozarts "Requiem" ranken. Hier summiert sich alles, was das Fragment erhöht: Der Komponist ist berühmt, er stirbt jung, die Umstände seines Todes sind ungeklärt (hat da am Ende doch jemand einen Giftbecher gemixt? - Es muss ja nicht gleich Mozarts Konkurrent, der italienische Hofkomponist in Wien, Antonio Salieri, gewesen sein) - und das Werk selbst weist hinüber in die Bereiche der Metaphysik. Mehr kann man von einem Fragment nicht verlangen.

Oder doch: einen echten Aufreger möglicherweise. Solch einen, wie ihn der österreichische Komponist Friedrich Cerha auslöste, als er den fragmentarischen dritten Akt von Alban Bergs Oper "Lulu" fertigstellte. Die Gustav Mahler Gesellschaft lief Sturm. "Leichenfledderei", schäumte ihr Präsident Gottfried von Einem, der Cerhas schärfster Konkurrent im Rennen um den Ruf des bedeutendsten zeitgenössischen Komponisten Österreichs war.

Aber das Dilemma wird durch das Erkennen persönlicher Motivationen nicht kleiner: Wie umgehen mit dem Fragment? Fertigstellen oder nicht - das bleibt die Frage. Prozentuell ist von Mozarts "Requiem" weniger vorhanden als vom Finalsatz der Neunten Sinfonie Bruckners. Dennoch spielt kaum ein Dirigent eine fragmentarische Version des "Requiem" - und kaum einer die komplettierte Version der Sinfonie. "Lulu" hingegen wird heute meist in der komplettierten Fassung angesetzt - wobei man die Tatsache verschweigt, dass Berg auch mit den von ihm selbst vollendeten Teilen unzufrieden war. Hätte er das ganze Werk nach einer provisorischen Fertigstellung nochmals auseinandergenommen?

Aber genau das ist ja auch das Reizvolle am Fragment: die Ungewissheit. Die Spekulation. Mag sein, auch die Überlegung, wie man selbst es machen würde, etwa in Giacomo Puccinis "Turandot", in Arnold Schönbergs "Moses und Aron", in Ferruccio Busonis "Doktor Faustus", in Gustav Mahlers Zehnter Sinfonie.

Kennt auch die Literatur diese Lust am vervollständigten Fragment? Wer liest schon Fried-
rich von Schillers "Geisterse-
her" in der Komplettierung von Hanns Heinz Ewers? (Wer liest überhaupt Schillers "Geisterse-
her". . . ?)