So alt wie die historische Aufführungspraxis sind die Meinungsverschiedenheiten bezüglich der Frage, worauf es bei der authentischen Wiedergabe Alter Musik denn nun eigentlich ankomme. Die deutlichste Trennlinie verläuft dabei zwischen dem Originalklang mitteleuropäischer und angelsächsischer Provenienz: hier Flexibilität der Phrasengestaltung, dort rhythmische Geradlinigkeit; hier rhetorische Affektausdeutung, dort Präzisionsarbeit. Dass die britische Barock-Mentalität auch im Kernland der Klangrede zu überzeugen vermag, bewiesen der in Cambridge ansässige Chor Polyphony und das Orchestra of the Age of Enlightenment, die im Rahmen des Osterklang-Festivals im Theater an der Wien gastierten, anhand von Bachs Johannes-Passion.

Atemberaubende Dramatik

Das Vokalensemble mochte ein Publikum, das die federnden Phrasen eines Schoenberg Chores gewöhnt ist, mit seiner Stimmgewalt zunächst vor den Kopf stoßen - um es mit prägnanter Schärfe, die jedes Detail wie gemeißelt hervortreten ließ, letztlich umso mehr für sich einzunehmen. Auch die Solisten - angeführt von Evangelist Ian Bostridge, der in gewohnter Meisterschaft Wortdeutlichkeit mit lyrischem Schönklang verband - erfreuten mit vokaler Klarheit. Dass es vom Punktgenauen zum Pedantischen nur ein kurzer Weg ist, zeigte sich indes beim Orchester, das die Partitur eher zu buchstabieren als zu gestalten schien. Mit straffen Übergängen zwischen den Nummern erzeugte Dirigent Stephen Layton dennoch einen Spannungsbogen, der die Passion als Werk von atemberaubender Dramatik erfahrbar werden ließ.