Der Starke ist am mächtigsten allein: Während bei Jordi Savalls Tätigkeit als Kammermusiker und Ensembleleiter zuweilen minimale Einwände nicht zu unterdrücken sind, stellt sein solistisches Spiel auf der Viola da Gamba den Inbegriff der Vollkommenheit dar: diese makellose technische Beherrschung seines Instruments, diese unverwundbare Sicherheit der Intonation! Vor allem aber verzaubert der beseelte Ton, den er aus dem kostbaren Instrument von Barak Norman (London 1697) zu ziehen weiß; die der Menschenstimme ähnliche "Zartheit des Gesanges", wie sie der Musiktheoretiker Jean Rousseau 1687 genannt hat und die bei Jordi Savall im wahrhaft berückenden Klang der hohen Lagen kulminiert.

Schwindelerregend

Beim Festival "Osterklang" spielte Savall in der Wiener Minoritenkirche ein Programm unter dem Titel "Des rêves et des pleurs", das in seiner meditativen Stimmung durchaus zum Gründonnerstag passte; gewidmet hatte er es seiner im Vorjahr verstorbenen Gattin Montserrat Figueras. Die Mehrzahl der Werke stammte von den französischen Meistern Monsieur de Sainte-Colombe Vater und Sohn sowie Marin Marais, gegliedert in fünf pausenlos abrollende "Kapitel". Ergänzt wurde das mit Einzelstücken anderer Komponisten, aber auch eigenen Variationen über ein bretonisches Volkslied sowie über die populäre Folia. Im temperamentvoll absolvierten, lebhaft akklamierten Zugabenprogramm steigerte sich Savall zuletzt noch bis zu schwindelerregender Virtuosität.