Sollte Gott weiblich sein, ist Roberto Fonseca ein Akt höherer Gerechtigkeit. Muss es denn sein, dass die Musikindustrie nur männliche Jazzfans mit Bühnenschönheiten beglückt? Grundlos tut sie das zwar nicht angesichts einer Hörergemeinde, die so männlich wirken kann wie die Klientel eines Wettcafés. Aber auch das wäre zu optimieren. Fonseca, hilf! Der 37-Jährige aus Kuba ist nicht nur ein Besitzer flinker Pianistenhände, sondern auch eines gestählten Körpers. Den stellt der notorische Hutträger bisweilen in den Dienst eines französischen Modelabels, lässt ihn aber auch bei seinem Auftritt im Wiener Konzerthaus ein beredtes Jazz-Plädoyer halten: Zum Percussion-Gebrodel vergraben sich die Hände tief in den Tasten, das Gesäß fährt hoch, die Hüften zucken - vamos!

Dabei beschränkt sich Fonsecas Talent nicht aufs Kreatürliche. Nach Erfolgen im Latin Jazz und einer Karriere vom Beiwagerl zum Mitglied des (echten!) Buena Vista Social Clubs fusioniert er derzeit kubanischen mit westafrikanischem Klang. Das ist nicht nur kulturhistorisch stimmig (Stichwort Zuckerrohrsklaven); die sprechende Trommel ("Tama") von Baba Sissoko aus Mali fügen sich funkelnd ins Percussion-Mosaik von Joel Hierrezuelo und Ramsés Rodriguez. Als zündendster Hybrid der neuen CD "Yo" ("Ich") darf wohl "Chabani" mit dem afrikanischen Triolen-Drive gelten.


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Roberto Fonseca
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Tutti Frutti mit Hirn

Doch Fonseca treibt’s noch bunter. Soul, Swing, Electro, Jazzrock - alles reklamiert diese "Yo"-AG für sich. Problem? Nicht die Buntscheckigkeit, aber zu dick geratene Kleckse: wenn Fonseca lang am Vocoder werkt wie Zawinul selig, wenn Gitarrist Jorge Chicoy ein Santana-Gedächtnisprotokoll abspult. Über solche Leerstellen aber tröstet der Witz, mit dem verzwackte Unisoni zwischen den Stilen irrlichtern, überhaupt Genregrenzen raffiniert verschwimmen: ein musikalisches Tutti Frutti mit Hirn. Und Muckis.