Es stellte sich heraus, dass der alte Herr mit dem graumelierten Bart, der im Bahncoupé mir gegenüber Platz genommen hatte, Musiker war, ehemals Geiger der Leningrader Philharmoniker. Ich fragte ihn nach deren Stardirigenten Jewgenij Mrawinski aus. Irgendwann sagte der Herr: "Aber im Vertrauen: Wir wussten alle, dass Mrawinski nicht der größte Dirigent der Sowjetunion war. Das war Jewgenij Swetlanow."

Nach und nach öffnen sich die russischen Archive, man kommt leichter an vergleichbare Aufnahmen heran - ja, es war nicht so falsch, was der russische Musiker da gesagt hatte. Mehr noch: Swetlanow ist als einer der besten Dirigenten seiner Zeit einzustufen. Dennoch ist er, selbst bei vergangenheitsbezogenen mitteleuropäischen Sammlern von Aufnahmen, immer noch ein Geheimtipp. Sollte Swetlanow, dessen Todestag sich heute, Donnerstag, zum 10. Mal jährt, der große, in Mitteleuropa übersehene Star sein?

Der am 6. September 1928 in Moskau geborene Dirigent, Pianist und Komponist legt eine Bilderbuchkarriere Marke Sowjetunion hin: Absolvent des Moskauer Konservatoriums, 1955 Dirigent am Bolschoi Theater, 1962 dessen Chefdirigent, 1965 Chefdirigent des Staatlichen Symphonieorchesters der UdSSR. Dann wird er im Jahr 1999 vom russischen Kulturminister Michail Schwydkoi als Chefdirigent des Staatlichen Orchesters zwangspensioniert. Er darf in Russland nicht einmal mehr auftreten. Angeblich entstand der Konflikt wegen zu vieler Auslandsverpflichtungen.

Hinter vorgehaltener Hand munkelt man jedoch, Swetlanows Entlassung sei ein Beitrag zur Putinisierung des Landes. Swetlanow sei, mehr als alle anderen russischen Musiker seiner Generation, ein Symbol für die Sowjetunion, zu der Putins neues Russland zwar viele Parallelen aufweist, sich aber gerade deshalb als etwas völlig anderes darstellen will.

Der Dirigent der Partei

Tatsächlich ist Swetlanow von den Machthabern der Sowjetunion mit Ehrungen überhäuft worden. Und es fällt auf, welche Werke er nicht dirigiert: Prokofjew und Schostakowitsch etwa kommen in seinem Repertoire selten vor - und das umfasst immerhin mehr als 2000 Werke speziell russischer und sowjetischer Komponisten. Sollte es ein Zufall sein, dass Swetlanow ausgerechnet die beiden immer wieder von der KPdSU gemaßregelten Komponisten eher meidet?

Andererseits: Wenn es ihm um etwas geht, stellt er sich auch quer zur Strömung. Nikolai Medtner etwa ist in der Sowjetunion Persona non grata. Der Komponist war nicht nur als glühender Antikommunist nach Großbritannien emigriert, man sagte ihm auch Sympathien für den Nationalsozialismus nach. Swetlanow hält Medtner für einen bedeutenden Komponisten. Als man Swetlanow 1979 untersagt, ein Orchesterkonzert anlässlich Medtners 100. Geburtstag zu veranstalten, setzt der ausgezeichnete Pianist Swetlanow einen Klavierabend an - mit Werken Medtners. Als Solist ist er in der Stückwahl weitgehend frei.

Swetlanows Interpretationen sind leidenschaftlich, sinnlich, exzessiv. Sein Körpereinsatz ist elegant, in seinen großzügigen Bewegungsabläufen aber auch erschöpfend - ein auf dem Notenpult montierter kleiner roter Ventilator mildert die physischen Beschwerden.

Obwohl Swetlanow als Komponist einen verspäteten Tschaikowski-Stil pflegt, steht er als Dirigent für alles, was man speziell aus Gustav Mahlers Symphonik heraushört. Tatsächlich ist Swetlanow der erste Dirigent, der auf russischem Boden einen kompletten Mahler-Zyklus aufführt. Nicht nur wegen dieses Engagements für Mahler sondern auch wegen seiner dreifachen Begabung als Dirigent, Pianist und Komponist spricht man da längst schon vom "sowjetischen Bernstein".

Nach seiner Entlassung findet er in vor allem in Japan begeisterte Zuhörer, er gastiert auch in Frankreich.

Am 3. Mai 2002 stirbt Swetlanow in Moskau, mit Russland nach wie vor hadernd. 2008 benennt dann die russische Fluggesellschaft Aeroflot 2008 ihren ersten Airbus nach dem Dirigenten. Flugzeuge sind eben weniger lästig als Menschen.