Wien. Wie es aussieht, wenn die ehrwürdige Gesellschaft der Musikfreunde in ihrem Jubiläumsjahr zu Festwochenkonzerten lädt? Frei nach Beaumarchais lässt sich von einem wirklich tollen Tag sprechen. Denn was wie ein ganz normaler Sonntagvormittag im Mai begann, gehörte ganz großer Klassik. Die Wiener Philharmoniker trafen ihren Intimfreund Riccardo Muti. Und der gab ihnen doch tatsächlich noch eine Lehrstunde in Sachen Wiener Klassik. Mit Kantaten von Antonio Salieri, Haydns prominentem Es-Dur-Trompetenkonzert und Schuberts Großer C-Dur-Symphonie eröffnete der Musikverein seinen Jubiläumszyklus zum 200. Geburtstag - mit einem Programm, das schon in den Urzeiten des Gesellschaftslebens teilweise zu hören war und den Feiern alle Ehre machte (am Rande sei erwähnt, dass die autographen Partituren natürlich im Gesellschaftsarchiv schlummern).

Gerade gewährte der Singverein unter der Leitung von Johannes Prinz mit Salieris "Lob der Musik" enthusiastische Einblicke in eine für das frühe 19. Jahrhundert typische Ode. Schon bewies der langjährige philharmonische Primtrompeter Hans Peter Schuh, dass das Orchester auswärtige Solisten zu Recht sehr diskret einlädt. Allein Schuhs Soloeinsatz im Eröffnungsallegro zum Haydn-Konzert wurde eine einprägsame, dramaturgisch und technisch perfekte Ansprache. Auch Schuberts C-Dur-Werk atmete dieselbe, weit angelegte, luftige Linie. Muti und die Wiener Freunde zeigten auf, wohin die klassischen Spuren im Biedermeier liefen. Wobei gerade das Scherzo als Schreittanz oder das ziselierte Finale deutlich machten, dass unser "Schwammerl" ein echter Solitär am Komponistenhimmel ist, der tatsächlich das Zeug zum überragenden Symphoniker hatte.

Bevor der Tag hier vor dem Abend gelobt wird: Kaum war der Mittagsapplaus verklungen, ging es im Goldenen Saal schon weiter. Netrebko traf Barenboim. Und auch Kritiker der Primadonna mussten wohl eingestehen, dass die Sopranistin mit ihrem gefeierten russischen Liedprogramm eindeutig zu Hause angekommen ist. Ob sie nun, mit Rimski-Korsakows unglaublichem Klangfluss versehen, in der Sprache ihrer Heimat "Verzeih" rief oder Tschaikowskis Serenade op. 63/6 trällerte: Anna Netrebko spielte mit ihrem kongenialen, diskreten Klavierbegleiter Daniel Barenboim dem Wiener Publikum ganz großes, dennoch intimes Theater vor.

Jedes Lied ein Dramolett

Jedes ihrer Lieder gelang als Dramolett für sich. Egal, ob vom Wind, der Lerche oder der (brillanten) Nachtigall die Rede war, schmiegten sich die Melodiebögen von Sopranistin und Pianist zu einem zarten Dialog aneinander. Mit drei Zugaben, die unterschiedlicher nicht sein konnten, bedankten sich die beiden Ausnahmekünstler für die Wiener Ovationen. Auf Dvořáks "Als die alte Mutter" op. 55/4 folgten aus Richard Strauss’ Opus-27-Liedern der "Morgen!" (sehr lautmalerisch interpretiert) und die ungeahnt wortdeutliche "Cäcilie". Fazit des Tages: Musikfreundherz, was willst Du mehr.