Drei fesselnde Beispiele des musikalischen Expressionismus schlossen sich zu einem spannenden Abend zusammen: ein intelligent konzipiertes Programm, mit dem das RSO Wien im Musikverein seine Kernkompetenz souverän bestätigte.

Als geradezu sensationell empfand man dabei die Bekanntschaft mit der französischen Komponistin Lili Boulanger (1893-1918): eine geniale Begabung, deren früher Tod mit kaum 25 Jahren ein reiches Schaffen unter sich begrub. Ihre 1917 vollendete Vertonung des Psalm 130 "Du fond de l’abime" ("Aus der Tiefe") kann mit ihrer aufwühlenden Tonsprache als Ausdruck ihrer langen, schweren Krankheit verstanden werden. Meisterhaft die Chorbehandlung, immer wieder frappierend die Fantasie der Klangfarben und der Harmonik. Nicht ganz geglückt scheint einzig die wiederholte Einbettung des Altsolos in das Tutti von Chor und Orchester; Bernarda Fink hat es auf ihre bekannt noble Art realisiert.

Gegenüber der Ausdruckskraft dieser Musik wirkte danach der 23. Psalm op. 14 von Alexander Zemlinsky (1910) gewissermaßen zivilisiert. Keine Frage, dass bei beiden Werken der Singverein seinen gewohnten Glanz strahlen ließ. Zuletzt Arnold Schönbergs Tondichtung "Pelleas und Melisande" op. 5: Nicht nur hier begeisterte Chefdirigent Cornelius Meister mit seiner suggestiven gestalterischen Kraft, seiner Kunst der zwingend aufgebauten Steigerung und Höhepunkte. Neben berühmteren Namen zählt auch er zur imponierenden Riege junger, exzellenter Dirigenten unserer Zeit.

Konzert
RSO Wien
Wiener Musikverein