Es war ein Abend, wie man ihn kaum vergessen wird: Im Musikverein brachte Rudolf Buchbinder Beethovens Diabelli-Variationen in einer schier unüberbietbaren Vollkommenheit zur Darstellung.

Es ist ein Werk, das in seiner Komplexität und Fantasiefülle die letzten großen Klaviersonaten des Komponisten noch übertrifft. Denn auf engstem Raum entfalten sich alle die vielfältigen Tongestalten, die Beethoven dem banalen Walzer von Antonio Diabelli abgerungen hat: Die wuchtig-gewalttätigen, die grimmig-humorvollen, die kontrapunktisch kunstvollen, die innig versunkenen und die technisch brillanten Stücke formieren da einen Kosmos von umfassender Größe.

Das alles hat Rudolf Buchbinder mit intensiver geistiger Durchdringung, pianistischer Bravour und klarster Deutlichkeit aus dem Steinway gezaubert. Kleine, raffinierte Verzögerungen standen da neben stürmischem Drive, stählerne Kraft nebst zartest ziseliertem Lineament. Unmittelbar vorangestellt hatte Buchbinder die (einzelne) Variation, die Franz Schubert zu Diabellis Sammelwerk "Vaterländischer Kunstverein" beigesteuert hat. Mit ihrer schmerzlichen Melancholie, die vom Thema weit weg führt, kann sie neben Beethoven in Ehren bestehen.

Begonnen hatte der Abend im Goldenen Saal mit Schuberts Vier Impromptus D 935. Buchbinder hat sie, vielleicht schon im Hinblick auf den Höhepunkt des Abends, härter angefasst als erwartet. Als Resümee bleibt ungläubiges Staunen ob einer grandiosen Leistung.