Wert und Unwert von Sitzungen und Drugstores, ein präzises Porträt des Schriftstellers Joseph Roth, Bestandsaufnahmen der österreichischen Zwischenkriegszeit: Einem Journalisten würde man eine solche Themenpalette unter Umständen zutrauen. Tatsächlich war der österreichische Komponist Ernst Krenek auch Journalist: Für die "Wiener Zeitung" schrieb er über Politik und Gesellschaft. Seine stilistische Virtuosität kommt nicht von Ungefähr, denn Krenek war auch Dichter, auch Schriftsteller - und legte nicht zuletzt mit "Im Atem der Zeit" eine der tiefstschürfenden biografischen Selbst- und Zeitanalysen der neueren Literatur vor. Das Ernst Krenek Institut veröffentlichte nun unter dem Titel "In der Zeiten Zwiespalt" eine Sammlung von Zeitungsartikeln und Essays Krenek.

Ernst Krenek war Komponist und Essayist. - © Ernst Krenek Institut
Ernst Krenek war Komponist und Essayist. - © Ernst Krenek Institut

Krenek, am 23. August 1900 in Wien geboren und in der Zwischenkriegszeit einer der Starkomponisten der deutschsprachigen Oper, droht dem Bewusstsein wieder zu entschwinden - zum zweiten Mal. Einmal würgten die Nationalsozialisten seine Karriere im deutschsprachigen Raum ab, was in Zeiten vor der Globalisierung durch Schallplatte und CD einem künstlerischen Todesurteil gleichkam. Dann, sehr spät, Anfang der Achtzigerjahre, gab es eine Renaissance, die nach dem Tod des Komponisten am 22. Dezember 1991 in Palm Springs postwendend einschlief.


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In jüngerer Zeit (2002) spielte die Wiener Staatsoper "Jonny spielt auf", bei den Bregenzer Festspielen wurde 2008 die bedeutende Oper "Karl V." von einer gegen das Werk gerichteten Regietheaterberserkerei vernichtet, während die geglückte Aufführung des "Kehraus um St. Stephan" im Kornmarkt-Theater an die Wiener Volksoper übernommen wurde. Kreneks wesentlichste Opern, "Leben des Orest", "Pallas Athene weint" und "Der goldene Bock", sind in Wien zumindest szenisch nach wie vor ungespielt.

In den Achtzigerjahren war Krenek, der seit der Vertreibung durch die Nationalsozialisten in Kalifornien seinen Hauptwohnsitz hatte, öfter in Wien. Walter Pass, mittlerweile verstorbener Professor der Musikwissenschaft an der Wiener Universität, organisierte mehrere Treffen mit Krenek für eine handverlesene Zahl von Studenten, zu der auch ich gehörte. Wie war ich neugierig auf den großen alten Mann der Musik, dem ich Würde und Weisheit zuschrieb und den ich mir auch als physisch groß vorstellte.

Doch die Begegnung fand mit einem körperlich kleinen und sehr grantigen Ernst Krenek statt. Fast schien es, als müsste der alte Herr, geführt von seiner dritten Frau, der amerikanischen Komponistin Gladys Nordenstrom, jeden Schritt vorsichtig mit den Füßen ertasten, ehe er das Bein zu belasten wagte. Der über achtzigjährige Komponist hatte merkliche Konzentrationsstörungen, vielleicht interessierten ihn auch die jungen Musikwissenschafter, die kaum eine Note von ihm kannten, nicht sonderlich.

Scharfe Bonmots

Doch immer wieder blitzten Kreneks Augen, und dann folgten messerscharfe Bonmots. Für solche war er ohnedies bekannt. So fragte in einer Radiosendung ein Anrufer, was Krenek von der gerade überreichlich propagierten "Neuen Einfachheit" halte. "Da bleibe ich lieber bei der alten Kompliziertheit", war seine Antwort.

Für Kreneks Grant gab es übrigens gute Gründe. Österreich behandelte seinen so bedeutenden Sohn nämlich schon immer denkbar ambivalent. Kulminationspunkt war "Karl V.". Krenek komponierte die Oper auf einen eigenen geschichtsphilosophischen Text, eine Dichtung im Rang der Stücke Paul Claudels, im Auftrag der Wiener Staatsoper. 1934 sollte die Uraufführung stattfinden.

Doch Clemens Krauss, österreichischer Dirigent und Direktor des Hauses am Ring, winkte plötzlich ab. In Deutschland war Krenek von den Nationalsozialisten auf die schwarze Liste gesetzt worden. Stein des Anstoßes war seine Erfolgsoper "Jonny spielt auf": Die Nationalsozialisten monierten den "Neger" in der Hauptrolle und den "Jazz" in der Musik. Der Jazz war zwar kein echter Jazz, wie ja auch der Neger kein echter Neger war - aber der Rassismus erschwert halt das klare Denken.

"Jonny spielt auf" war jedenfalls das Rote Tuch für die nationalsozialistischen Kulturbeamten, und das Plakat zur Ausstellung "Entartete Musik" war dementsprechend eine klare Anspielung auf Kreneks Oper. Im nationalsozialistischen Deutschland war Krenek, wenn man so will, der Entartetste der Entarteten.

Als das Werk 1927 erstmals an der Wiener Staatsoper gezeigt wurde, gab es im Parlament Krawall wegen der "jüdisch-negerischen Besudelung" des Opernhauses, und ein nationalsozialistischer Abgeordneter fragte, wann man es jemals erlebt habe, dass ein Neger in einer Oper die Hauptrolle singt. "Kennen Sie Verdis ,Otello‘?", war die Replik.

Krauss hatte den Skandal um "Jonny" gut im Gedächtnis, obendrein ortete er Karrierechancen im nationalsozialistischen Deutschland, dem bedeutende Dirigenten wie Otto Klemperer, Bruno Walter oder Erich Kleiber abhanden kamen.