Wien. "Meine zärtliche Neigung für diesen Komponisten", das "bewunderungswürdige Talent dieses Mannes": Die Verehrung, die Igor Strawinski seinem großen Landsmann Tschaikowski entgegenbrachte, spiegelt sich in solchen und ähnlichen Äußerungen wider. Es war also durchaus sinnvoll, dass das London Symphony Orchestra unter seinem Chefdirigenten Valery Gergiev im Konzerthaus Werke der beiden Meister einander gegenüberstellte.

Um mit Tschaikowski zu beginnen: Am ersten Abend nützte die junge Koreanerin Sun Young Seo, Gewinnerin des St. Petersburger Tschaikowski-Wettbewerbs 2011, Tatjanas Briefszene aus "Eugen Onegin" vor allem zur Präsentation ihres gewaltigen Stimmpotenzials. Tschaikowskis Symphonischer Fantasie "Der Sturm" nach Shakespeare fehlt es ein wenig an den prägnanten Formulierungen, die seine Fantasie-Ouvertüre "Romeo und Julia" auszeichnen. Mit ihr begann das zweite Konzert, dem Gautier Capuçon als Solist von Tschaikowskis "Rokoko-Variationen" dann ein Glanzlicht aufsetzte. Der junge französische Cellist prunkte dabei insbesondere mit dem machtvoll strahlenden Ton seines Instruments und dem musikantischen Impetus seines Spiels.

Blitzende Funken

Eine Rarität hatte den Auftakt des ersten Abends gebildet: Igor Strawinskis Fantasie für großes Orchester "Feux d’artifice" op. 4. In nur vier Minuten entfacht der 26-Jährige darin ein faszinierendes Feuerwerk an sprühenden Klangkaskaden, rasch changierenden Farben und blitzenden Funken.

Den Gegenpol dazu bildete zum Abschluss dieses Konzerts die komplette Ballettmusik zu Strawinskis "Feuervogel". Der Komponist wusste sehr wohl, weshalb er in drei Suiten die formal geschlossensten Teile der Partitur zusammenfasste. Zwischen ihnen stehen jedoch ausgedehnte Abschnitte, die ihren Sinn nur aus dem Bühnengeschehen beziehen; allzu lang dehnten sich damit auch die 55 Minuten des Stücks.

Betäubende Emanationen

Bei Strawinskis "Sacre du printemps" zum Abschluss huldigte Gergiev noch einmal seiner Neigung zu dynamischen Exzessen, die gerade hier oftmals zu betäubenden, undurchhörbaren Klang-Emanationen führten. Insgesamt standen an beiden Abenden messerscharfe Akkordschläge neben sensibel ausgehörten Piano-Passagen. Das Orchester, wiewohl nicht in allen Positionen unverwundbar, fesselte doch durch Disziplin und manche solistischen Leistungen; allzu hart tönte zumindest für Wiener Ohren das schwere Blech. Dennoch großer Jubel!