Orff lebt in ständiger Angst. Der eine Grund ist seine Freundschaft mit Kurt Huber. Huber hatte bereits 1933 Schwierigkeiten gehabt. Aufgrund der Denunziation durch den Musikwissenschafter Herbert Gerigk war Huber eine Professur an der Münchner Universität vorenthalten worden. Orff half dem dadurch in Geldnot geratenen Huber, indem er ihn zum Mitherausgeber bayerischer Volksmusik machte. Orffs Name deckte Huber politisch, die Tantiemen teilten sich die beiden Freunde. Als Huber 1943 als Mitglied der Widerstandsgruppe "Weiße Rose" verhaftet und hingerichtet wird, fürchtet Orff
Auswirkungen auf seine eigene Karriere.

Zumal es in der Familiengeschichte Orffs ein wohlgehütetes Geheimnis gibt: Nach Maßgabe der sogenannten Nürnberger Rassegesetze ist Orff Vierteljude. Daraus erwächst zwar keine unmittelbare Bedrohung, doch Orff fürchtet, dass ihn die Summe der in den Augen der Nationalsozialisten abträglichen Eigenschaften, Beziehungen und Handlungsweisen zur Persona non grata machen, schlimmer noch: sein Leben gefährden könnte. Doch er bleibt unangetastet, gilt gar als einer der wichtigsten Komponisten und wird auf die sogenannte Gottbegnadeten-Liste gesetzt. Was an seinen Angstzuständen nichts ändert. Ihrer ungeachtet, hat Orff genug Courage, 1944 den Auftrag von Propagandaminister Joseph Goebbels für eine "Kampfmusik" zu einer Wochenschau abzulehnen.

Der Weg zum Welterfolg

Nach dem Ende des Nationalsozialismus gilt Orff den Amerikanern als "unacceptable", was das Ende seiner Berufslaufbahn bedeuten würde. In seinem Schüler Newell Jenkins findet er allerdings einen Fürsprecher, und das Entnazifizierungsverfahren verläuft günstig.

Dass Orff, wie beharrlich behauptet wird, nur durch die dreiste Lüge durchgekommen sei, er sei Mitglied der "Weißen Rose" gewesen, stimmt indessen nicht. Der österreichische Historiker Oliver Rathkolb konnte nachweisen, dass Orff laut den schriftlichen Protokollen lediglich von seiner Freundschaft mit Kurt Huber gesprochen hat - eine Freundschaft, die tatsächlich bestand.

Nach 1945 entwickeln sich die "Carmina Burana" allmählich, vor allem in konzertanten Aufführungen, zum Publikumsmagneten und überschatten Orffs weiteres Schaffen. Speziell Orffs Hauptwerke, die antiken Tragödien "Antigonae", "Oedipus der Tyrann" und "Prometheus" sowie seine von frühchristlichen Vorstellungen geprägte Endzeit-Vision "De temporum fine comoedia" stehen im Schatten der immer-populären Chorkantate.

Kein Wunder, dass kaum ein Dirigent sich den sicheren Erfolg entgehen lässt. Lediglich Herbert von Karajan macht schlechte Erfahrungen: 1953 will er in Mailand die "Trionfi" uraufführen, jenes Triptychon, das Orff aus "Carmina Burana", "Catulli Carmina" und dem neuen "Trionfo di Afrodite" gebildet hat. In völligem Missverständnis kürzt Karajan, der mit dem Partiturstudium zu spät angefangen hat, in die musikalischen Formen hinein und zerstört die Strukturen. Damit bricht zwischen dem bedeutendsten deutschen Komponisten der Gegenwart und dem marktführenden Dirigenten des deutschsprachigen Raums eine Eiszeit an. Die vom Musik-Business angepeilte Versöhnung der beiden bei der Uraufführung von "De temporum fine comoedia" bei den Salzburger Festspielen 1973 misslingt - abermals kommt Karajan mit Orffs rhythmischen Strukturen nicht klar.

Heute haben sich die "Carmina Burana", vor allem in konzertanten Aufführungen, längst durchgesetzt. Auch in Israel werden sie seit den Sechzigerjahren gespielt. Rund 90 unterschiedliche Einspielungen sind im Handel. Und jüngst präsentierte die Wiener Volksoper das Werk gar auf dem Wiener Westbahnhof. Kein übler Erfolg für die ehemalige "bayerische Niggermusik".