Wien.Auch dafür kann es Beifall geben: Wenn der Ansager auf der Bühne erzählt, wie viele Konzerte er schon in seinem Leben besucht hat. Er lebe hoch, der Mann! - Der will die Situation flugs mit Ironie ausbalancieren: "Meine Mutter ist heute auch da . . ." - Abermals Applaus im Konzerthaus für den Zeremonienmeister.

Dessen Exkurs hatte aber schon einen sachdienlichen Grund, galt er doch der nachgerade welthistorischen Feinfühligkeit des nahenden Stars. Eine Kostprobe davon bekam der Jazzfest-Wien-Besucher zu Pausenbeginn am eigenen Leib zu spüren - als sich die Massen durch die Türen am hinteren Ende des Parterres durchzuwursteln hatten. Zutritt zu den Seitentüren? Verboten. Keith Jarrett, hörte man, wünschte dies so - damit es im Saal nicht zu heiß werde.

Schlimmeres wäre möglich gewesen. Hätte der Ansager in puncto Foto-, Film- und Handyverbot nicht auf das Publikum eingeredet wie auf eine Herde kranker Pferde: Wer weiß, vielleicht hätte der US-Pianist noch Grund zum Abbruch gefunden. Bei seinem vorherigen Wien-Konzert (2004) beschwor ein Video-Störenfried des Meisters minutenlangen Ingrimm herauf.

Die Verheißung, die der Jarrett- Verhaltenskodex andererseits birgt - einem Genie reinsten Wassers zu lauschen -, wollte sich am Sonntag aber nicht zum Fakt formen. Zwar ächzt und windet sich der Maestro am (phänomenal vorbereiteten) Steinway, als gälte es, Tonkunst Beethoven’scher Bedeutungsschwere zu gebären. Und die musikalischen Umweltbedingungen waren insofern ideal, als Gary Peacock (Bass) und Jack DeJohnette (Drums) mitwirkten - just jene Herren, mit denen Jarrett einst Jazzstandards fantasievoll aus den Strukturfugen geraten ließ.

Standards setzt es auch nun - aber in herkömmlicher Darreichungsform: Thema, Klaviersolo, weitere Soli - und nicht wenig Floskeln. Harmlosigkeit, die grübeln lässt: Findet der 67-Jährige das vollendende Heil der Schlichtheit in blassbraver Konvention? Wie auch immer: Die Kantabilität, die feinen Artikulationsnuancen von Jarretts Soli sind auch diesem Auftritt eingeschrieben. Und einmal entzündet sich die alte Lust am Expansiven an einem drahtigen Riff.

Irdischer ging’s tags zuvor John Scofield an. Der lümmelt auf einem Sessel, derweil Gitarrenkollege Kurt Rosenwinkel bei einem Gig von swingenden bis zu psychedelischen Momenten im Rathaus-Arkadenhof helltönend eloquent sprudelt. Dass der Jungspund womöglich sogar der bessere Techniker ist, muss "Sco" kaum kratzen: Wenn der seine akustische Trademark ausspielt, also auch in lyrische Linien ("Moonlight in Vermont") kleine Kanten und ungeratene Töne schleust, ist er ein Jazz-Stilist von hinreißendem Eigensinn. Ganz ohne Heilandspipapo.