Luzern. Eine echte Premiere hatte Intendant Michael Haefliger, dessen Vertrag beim Lucerne Festival kürzlich bis 2016 verlängert wurde, für die Saisoneröffnung geplant: Claudio Abbado sollte zum Abschluss seines Mahler-Zyklus erstmalig Mahlers monumentale Achte dirigieren, die der Komponist selbst gegenüber Alfred Roller als "seine Messe" bezeichnet hatte. Damit wäre das Werk ein perfekter Auftakt für das heurige Festival mit dem Thema "Glauben" gewesen. Aber Abbado überlegte es sich anders.

Zum Glück sind Religion, Glauben und Musik so eng miteinander verflochten, dass sich ein valables Alternativprogramm fand: Beethovens Musik zu Goethes Trauerspiel "Egmont" und Mozarts Requiem. Mochte man im Vorfeld die Programmänderung auch bedauert haben, man verließ den Konzertsaal mit seiner fabelhaften Akustik tief berührt.

Abbado und das Festival Orchestra, das sich vor allem aus den Mitgliedern des Mahler Chamber Orchestras, des Orchestras Mozart sowie namhaften Solisten rekrutiert, bewiesen schon in der "Egmont"-Ouvertüre, wie sich ein samtiger philharmonischer Orchesterklang und ein beredtes, konturiertes Musizieren verbinden lassen. Bruno Ganz war mit seiner bestimmten, modulationsfähigen Rezitation ein felsenfester Freiheitskämpfer Egmont, Juliane Banse ein zuverlässiges Klärchen mit flutendem Legato. Die Krone aber gebührte Abbado und den Musikern für ihre singuläre Leistung. Mild und verklärt erklang anschließend Mozarts Requiem, bei dem die von Peter Dijkstra einstudierten Chöre des Bayerischen und Schwedischen Rundfunks durch ihre plastische Wort-Ton-Behandlung hervorstachen. Aus dem noblen Solistenquartett seien Anna Prohaska mit leuchtkräftigem Sopran und René Pape mit seinem sonoren, voll strömenden Bass erwähnt.

In rund einem Drittel der fast 70 Orchester- und Kammerkonzerte sowie Rahmenveranstaltungen werden Werke zum Festivalthema auf dem Programm stehen: von Bach über Bruckner bis zu Sofia Gubaidulina, die gemeinsam mit Philippe Manoury als "composer in residence" eingeladen ist.

Von Luzern in
den Wiener Musikverein

Auch die tourenden Solisten und Gastorchester haben meist etwas programmatisch Passendes im Gepäck. Die Wiener Philharmoniker werden unter Vladimir Jurowski und Bernard Haitink unter anderem Olivier Messiaens "L’Ascension", Tschaikowskis "Manfred" und Bruckners Neunte interpretieren.

Das Festival Orchestra ist noch mit einem zweiten Programm zu hören (inklusive Bruckners Erster), mit dem Abbado auch Mitte September im Wiener Musikverein zu Gast sein wird. Die von Pierre Boulez geleitete Festival Academy, in der sich junge Musiker nur mit Musik des 20. und 21. Jahrhunderts auseinandersetzen, stellt Manuel de Fallas Oper "Meister Pedros Puppenspiel" in einer szenischen Koproduktion mit dem Theater Basel zur Diskussion.

Das Luzerner Programm (bis 15. September) mit seinen vielen Querverbindungen und verflochtenen Strängen muss heuer keine Konkurrenz fürchten, denn andernorts setzt man im Konzertsektor lieber auf profillose Masse, in der die Juwelen zu wenig Leuchtkraft entfalten können.