Als vor einigen Jahren das Cleveland Orchestra sommersüber für "Rusalka" nach Salzburg verpflichtet wurde, kam seitens der Wiener Philharmoniker so etwas wie Neid auf. Spaßvögel entgegneten damals: Auch in Cleveland habe jeder zweite Musiker eine böhmische Großmutter.

Am Dienstag im Großen Festspielhaus zeigte sich, dass auf solche Wurzeln im Ernstfall so viel Verlass nicht ist. Im orchestralen Hochglanz und Wohllaut schwappten die ersten vier Teile von Smetanas "Ma Vlast" (von "Vyehrad" über "Die Moldau" und "arka" bis "Aus Böhmens Hain und Flur") in den Saal. Ein wenig nach kolorierten alten Holzschnitten hat das geklungen, nicht nach saftig grünem Böhmerwald. Von urwüchsigem Musikantentum ganz zu schweigen. Freilich: Dem historischen Ton-Bild von der Burg Vyehrad hat dieser nüchterne Tonfall so schlecht nicht bekommen.

Man wirkt tourneemüde

Irgendwie wirkte das Orchester an dem Abend tourneemüde, und Dirigent Franz Welser-Möst setzte auch eher auf stramme, lapidare Übergänge. Entlang der doch entschieden lyrisch grundelnden Moldau hätte man nachhaltiger daran erinnert werden dürfen, dass die Heimat von Welser-Möst keine 100 Kilometer vom Oberlauf des dort noch recht lieblichen Flüsschens entfernt ist. - Alle Register des Effekts hat man dagegen für das Anfang der 50er Jahre entstandene Konzert für Orchester von Witold Lutosławski gezogen: Da kam es auch nicht zuletzt darauf an, Instrumentations-Raffinessen herauszuarbeiten. Kontrabässe und kleine Trommeln: Wer lässt schon so einen "Cappriccio notturno" überschriebenen Satz ausklingen?