(krie) Eine Nacht ausschlafen hat dem Cleveland Orchestra gut getan. Am Mittwoch spielte es in Salzburg wie ausgewechselt und wurde dem Ruf gerecht, das im Idiom "europäischste" US-Orchester zu sein. So viel Wärme plötzlich in Smetanas Tondichtung "Tábor". In den beiden Konzerten waren alle Teile des Zyklus "Ma Vlást" ("Mein Vaterland") zu hören. Die Wiedergabe wirkte nun ungleich ruhiger, im Detail plausibler ausgearbeitet.

Natürlich können die Clevelander ihre Ressourcen auch in der Sechsten Symphonie von Schostakowitsch grandios ausspielen, diesem in der Stimmung so zwiespältigen Dreisätzer, der mit einem Trauergesang der Celli und Bratschen anhebt und mit einer grellen Zirkusnummer ausklingt. Depression und Manie sind selten augenfälliger beschrieben und von Franz Welser-Möst und den Cleveländern in vielen Facetten ausgemalt worden.

Aus dem Klavierkonzert von Witold Lutosławski, Krystian Zimerman gewidmet und von diesem 1988 in Salzburg aus der Taufe gehoben, wurde leider nichts. Der Solist sagte krankheitshalber ab. Gut, dass das Cleveland Orchestra eben erst beim Lucerne-Festival ein Stück von Matthias Pintscher uraufgeführt hat. Das ließ man nun als österreichische Erstaufführung gleich auch in Salzburg hören. "Chute d’Étoiles. Hommage à Anselm Kiefer" heißt das Werk für Orchester und zwei Solotrompeten, die über weite Strecken gedämpft, aber mit vielen filigranen Figuren vorwärts streben. Irisierende Klangeffekte prägen diesen "Sternenfall" ebenso wie eruptive Ausbrüche der üppig besetzten Schlagzeug-Batterie. Jazzelnd geht die Sache einem effektvollen Ende entgegen; der Komponist und die beiden Solisten Michael Sachs und Jack Sutte wurden heftig akklamiert. So mag das Festspielpublikum zeitgenössische Musik, die heuer eigentlich immer in einer solchen Genuss-Variante verabreicht wurde.