Jede der seltenen Wiederbegegnungen mit Claudio Abbado und seinem Lucerne Festival Orchestra bedeutet für die Wiener Musikfreunde ein heiß ersehntes Fest. So auch diesmal, als der Jubel im Goldenen Saal zuletzt kein Ende nehmen wollte. Er hatte zuvor in gleicher Weise Maurizio Pollini gegolten, der bei Mozarts Klavierkonzert G-Dur KV 453 sein nobles Musizieren unprätentiös in das Spiel des Orchesters eingebettet hatte.

Nach der Pause ein Rarissimum; Anton Bruckners Erste Symphonie in der Spätfassung 1890/91, gewidmet der Universität Wien zum Dank für die Verleihung der Ehrendoktorwürde. Zumeist wird sie sonst in der ersten, der Linzer Fassung aus dem Jahr 1866 gespielt; von Bruckner "keckes Beserl" genannt, präsentiert sie ihre schroffen Kühnheiten, aber auch ihr zuweilen fast chaotisches Suchen unverhüllter als Zweitfassung mit üppiger Klanglichkeit.

Abbado erwies sich an diesem Abend als idealer Bruckner-Dirigent. Da stimmten alle Tempi, entwickelten sich organisch die Steigerungen bis zum zermalmenden Höhepunkt. Sonor sangen die Streicher, klar und tonschön zeichneten die Holzbläser ihre Linien, entfaltete das Blech seinen satten Glanz.

Nur schade, dass der Schalldruck der Mammutbesetzung mit ihren 80 Streichern und dem verdoppelten Holz den Rahmen des Saales beinahe gesprengt hätte. Keine Frage, dass das Ensemble unabhängig davon zur Weltspitze zählt!