Wien. Reisegepäck kann schwer sein. Und sauteuer obendrein - man weiß es vom Billigflieger mit dem findigen Mehrgebührensystem. Alles ein Klacks allerdings im Vergleich mit einer Fernreise der Wiener Staatsoper. Die hat das Gepäck für ihre achte Japan-Tournee längst aufgegeben: Fast 100 Tonnen Bühnenbilder, Requisiten und Kostüme schaukeln in wuchtigen Schiffscontainern rund zwei Monate lang gen Fernost. Ab diesem Wochenende folgt die Tournee-Mannschaft, stolze 350 Personen stark. Solisten, Choristen, Orchestermusiker, Techniker: Was man so braucht für vier Produktionen aus dem eigenen Hause, als da wären: "Figaro", "Salome", "Anna Bolena" und die "Kinderzauberflöte".

"Bühnentürl nix dagegen"

Um den einmonatigen Kraftakt zu beschreiben (in Wien wird derweil weitergespielt), könnte einem aber auch ein alter Popsong einfallen. "Big in Japan": Das ist die Staatsoper nicht nur durch Materialaufwand, sondern auch Renommee. In Fernost umglänzt Klassik-Musiker nämlich ein besonderer Nimbus, wenn sie aus Österreich stammen. "Nach dem Zweiten Weltkrieg haben die Japaner die klassische Musik für sich entdeckt und eine spezielle Beziehung zu Wien entwickelt", erzählt Franz Welser-Möst. Er geht nun erstmals in seiner Eigenschaft als Generalmusikdirektor der Staatsoper auf Japan-Tournee, hat dort aber schon seine Erfahrungen als Dirigent gemacht.

Zum Beispiel mit der Zürcher Oper. "Man hat dieses Klischee vom reservierten, höflichen Japaner. Aber die können aus sich herausgehen! Und der Andrang der Autogrammjäger: Da ist das Bühnentürl der Staatsoper nix dagegen." Ein Höchstmaß asiatischer Euphorie sah er bei einer Visite mit dem Cleveland Orchestra: "Da kamen auch die Kaiserin und der Kaiser, die wie Gottheiten verehrt werden. Die Japaner standen Kopf!"

Pausen-Plausch mit Kaiserin

Wie klassikbegeistert das royale Paar ist, weiß Welser-Möst aus eigener Erfahrung. "Die Kaiserin spielt gut Klavier, das hab’ ich selbst gehört." Welche Augenfarbe die Gebieterin hat, könnte er indes nicht sagen: Ein solcher Blick ist untersagt. Und so wird der Dirigent wohl auch bei seiner nächsten Pausen-Audienz 15 Minuten höflich parlieren und derweil Löcher in den Boden starren.

Wobei die Räumlichkeiten in Japan nicht gar so gediegen sind. Opernhäuser sind rar gesät, die Tournee findet in Mehrzweckhallen statt. Wie charismatisch kann ein solcher Opernabend geraten? Welser-Möst spricht lieber vom Klang: "Als wir aus Zürich mit dem ‚Rosenkavalier‘ kamen, hat das wunderbar funktioniert. Die Akustik war sehr gut."

Drei "Salomes" wird er in Fernost dirigieren, das nächste staatstragende Ereignis steht ihm im Jänner bevor - dann leitet Welser-Möst sein zweites Neujahrskonzert mit den Wiener Philharmonikern. Ob das Programm schon feststeht? "Ist längst fixiert. Aber das wird wie immer vom Orchester verkündet." Einen Wagner-Walzer - 2013 hat der Gesamtkunstwerkler 200. Geburtstag - dürfte man bisher jedenfalls nicht ausgegraben haben. Die Frage entlockt Welser-Möst nur einen Lacher - doch dann auch eine musikhistorische Belehrung: "Sie wissen schon, wer Wagner als erster in Wien gespielt hat? Johann Strauß." Ein beziehungsreiches Neujahrs-Programm ist also nicht ganz auszuschließen.

Nicht auszuschließen ist auch, dass Welser-Möst noch länger an der Staatsoper bleibt als paktiert, also: dass er seine Verlängerungsoption nützt und nicht bis 2018, sondern 2020 Musikchef ist. Welser-Möst: "Ich muss bis 2015 Bescheid sagen. Aber derzeit fühle ich mich hier sehr gut."

Zum guten Feeling dürfte es auch beitragen, dass im Sommer der Plan abgeschmettert werden konnte, die Staatsoper solle zehn Millionen Euro einsparen. Dass dies, wie kolportiert, von Finanzministerin Maria Fekter ausging, stimmt laut Welser-Möst nicht. "Das kam nicht direkt von ihr. Ich habe im Urlaub zwei Stunden mit der Ministerin gesprochen und sie auch auf die Probleme des Bundestheaterbudgets hingewiesen: Seit Jahren werden die Tariferhöhungen nicht finanziert. Das kann so nicht weitergehen."