Regisseurin Valentina Carasco verbindet Richard Wagners "Ring" mit der jüngeren Geschichte Argentiniens. - © Teatro Colón
Regisseurin Valentina Carasco verbindet Richard Wagners "Ring" mit der jüngeren Geschichte Argentiniens. - © Teatro Colón

Einen gewissen Sinn für Ironie haben sie, die Argentinier: "Das wird spektakulär!" ist unfreiwillig zukunftsweisend auf einer Werbesäule zu lesen, die in Buenos Aires auf dem Platz direkt neben dem Opernhaus Teatro Colón aufgestellt ist. Darüber prangt noch immer das Konterfei einer Person, die dort eigentlich nicht mehr hingehört: Katharina Wagner legte gerade einmal sechs Wochen vor der geplanten Premiere einer siebenstündigen Kompaktfassung von Richard Wagners "Der Ring des Nibelungen" ihr Engagement zurück. Kurz zuvor hatten deutsche Lokalzeitungen von einer gestörten Kommunikation zwischen der Urenkelin des Komponisten und der Theaterleitung berichtet.

Als neue Regisseurin wurde die Argentinierin Valentina Carrasco gewonnen, die seit vielen Jahren im Team der katalanischen Regie- und Performancetruppe La Fura del Baus arbeitet. Sie hatte drei Tage Zeit, sich ein Konzept zu überlegen, das sie in bereits produzierte Bühnenaufbauten einzupassen hatte. Auch ein neuer Dirigent musste her: Der Österreicher Roberto Paternostro sagte kurzfristig zu und verlangte Änderungen in der ursprünglichen Fassung, für die der Musikproduzent Cord Garben verantwortlich war: Die Idee, das "Rheingold" in die "Walküre" zu integrieren, wurde zugunsten der im Wagner-Original vorhandenen chronologischen Abfolge verändert. Die Künstler arbeiteten von früh bis spät, die Nerven lagen blank.

In Anbetracht der geschilderten Umstände muss es letztlich als Wunder gewertet werden, dass der "Colón-Ring" überhaupt aufgeführt werden konnte. Freilich waren am Premierenabend Defizite erkennbar: Paternostros Dirigat plätscherte über weite Strecken dahin und ließ mit Ausnahme des "Walküre"-Teils Akzente vermissen.

Eine ungeschliffene und relativ statische Personenführung spiegelte auch in der Regie den Zeitdruck wider, ebenso notdürftig wirkten Lichtregie und Bühnentechnik. Dabei war Carrascos Konzept durchaus ambitioniert. Sie setzte die Handlung über die moralischen Fehltritte der herrschenden Götter und ihrem dadurch bedingten Untergang in einen Kontext mit der argentinischen Geschichte. Beginnend mit General Juan Perón und seiner Gattin Evita als Wotan und Fricka, über den Staatsterror der darauf folgenden Militärdiktatur bis zu den aktuellen Krisenjahren spannte Carrasco einen chronologischen Bogen und fand dabei durchaus eine schlüssige Umsetzung.

Weitaus wohlwollender bedankte sich das Publikum bei den Sängern für durchgängig passable Leistungen. Stimmlich nahezu makellos waren Marion Amman als Sieglinde, Jukka Rasilainen als Wotan und Linda Watson, die in dieser Kompaktfassung von allen Solisten am stärksten gefordert war.

Herausragend ebenfalls Simone Schröder als Fricka, Daniel Sumegi als Hagen und Gérard Kim als Gunther. Kaum ein Wort war von Leonid Zakhozhaev zu verstehen, der sich am Premierenabend durch die Rolle des Siegfried kämpfte.

Ob der "Colón-Ring" eine Zukunft hat und falls ja in welcher Form, ist nach diesem ersten Versuch schwer vorherzusagen.