Technik und Ausdruck: Diese beiden Parameter werden einander häufig gegenübergestellt, als handle es sich um gegensätzliche, einander im Idealfall ergänzende, mitunter aber auch widersprechende Eigenschaften. Wenn Pierre-Laurent Aimard Debussy spielt, verschmelzen diese vermeintlichen Gegenpole zu einer einzigen, hart erarbeiteten pianistischen Tugend: der Fähigkeit, in einer komplexen Schichtung musikalischer Ebenen jeder Note die ihr zugedachte Klangfarbe zu verleihen, als handle es sich beim Konzertflügel um einen ganzen Orchesterapparat von unerschöpflichen klanglichen Möglichkeiten.

Das scheinbar Beiläufige

Das Erforschen des Nachklanges in "Des pas sur la neige", die Freude am Mechanischen in "Les tièrces alternées" oder der radikal experimentelle Geist von "Feux d’artifice": Debussys "Préludes" öffnen ein weites Panorama ins 20. Jahrhundert, lassen Olivier Messiaen ebenso vorausahnen wie Helmut Lachenmann. Im Zuge einer Gesamtinterpretation beider Bände widmete Aimard seinen Auftritt im Mozartsaal zur Gänze der Versenkung in diesen so reich differenzierten Kosmos. Und bewies nebenbei, dass oft das scheinbar Beiläufige zu seiner Hervorbringung die größte Disziplin erfordert. Dabei offenbarten Stücke wie "Ce qu’a vu le vent d’ouest", dass der Pianist nicht nur fein abgestufte Klangeindrücke hervorzubringen vermag, sondern auch über Virtuosität in einem traditionelleren Sinn verfügt. Wahre Virtuosität gibt es gewiss nicht ohne Geläufigkeit, sie geht aber - wie dieser Abend zeigte - weit darüber hinaus.