Wien. Von Hot-Pants-Trägerinnen und Schmusebubis ist man es gewohnt. Aber darf Plácido Domingo, ein Säulenheiliger der internationalen Opernwelt, im reifen Alter ein Crossover-Album aufnehmen?

Natürlich darf er. Es widerspricht ja auch nicht der Tradition großer Tenöre. Lange, bevor das Wort Crossover mit langen Beinen in die Klassikwelt stakste, haben deren Heroen Ausflüge in die Schlagerwelt gewagt - mit Bestsellern wie Mario Lanza als Spitze des Eisbergs. Als der gegen Ende der 50er Jahre letzte Erfolge verbuchte, startete Domingos Karriere gerade undogmatisch: Nebenbei arrangierte der spanische Jungtenor Musik für eine Rock’n’Roll-Band. Umso mehr rechnete sich diese fehlende Berührungsangst dann auf dem Höhepunkt der Karriere: als Domingo etwa mit dem Folksänger John Denver kooperierte oder sich mit seinesgleichen (Stichwort: die drei Tenöre) auch Allerweltsohrwürmer einverleibte.

Ein Fahrstuhl voller Geigen

Nun holte sich Domingo wieder Partner - doch gleich vom anderen Musikufer. So schlicht der Albumtitel ("Songs", erschienen bei Sony Classical), so lang die Gästeliste: Da stellen sich etwa Popsänger wie Josh Groban und Harry Connick jr. ein, aber auch die Castingshow-Heldin Susan Boyle. Mit Xavier Naidoo, dem berühmtesten Vertreter eines Pathosgesangsvereins namens Söhne Mannheims, stürzt Domingo dann aber erwartungsgemäß in einen Kitschabgrund: Wer diesem Pathos-Paarlauf bis zum letzten, terzensüßen Einsatz lauscht, wird bei allem Respekt vor einer Opernlegende kaum "A Wonderful World" orten. Überhaupt ist für Rafa Sardina, den Produzenten des Albums, mehr ganz einfach mehr: Sein Ein-Fahrstuhl-voller-Geigen-Sound zieht sich durch das gesamte Opus, auch wenn die Streicherballungen manches sympathische Klangbild im Keim ersticken.

Das Hauptproblem ist aber das, was Domingo auf der Opernbühne zum umjubelten Jahrhundertphänomen macht: seine kraftvolle, schmachtpralle Stimme. Nicht, dass der Spanier seine gestalterische Intelligenz im Pop-Repertoire ganz beiseite ließe - hier schön nachzuhören in einer Filmmelodie aus "Der Pate". Doch wo die vokale Betriebstemperatur gerade einmal Opernhausniveau erreicht, ist sie für Popmusik viel zu hoch. Und das passiert hier leider meist.

Darum sollte man diese "Songs" lieber nur glühenden Domingo-Fans unter den Christbaum legen - und sich davor stillschweigend die gelungenen Nummern ("Bésame mucho" und ein sanftes "Girl from Ipanema") kopieren.