Wien. (irr) Was das Neujahrskonzert bringt? Touristisch keine Frage: Der Walzerreigen der Philharmoniker wird auch 2013 in eine exorbitante Länder-Anzahl übertragen (81), abermals mit exotischen Neuzugängen (Kuba oder Bhutan). Wer dagegen nach dem künstlerischen Wert des Events fragt, bekam bei der Programmpräsentation eine Antwort von Franz Welser-Möst. Zur Verteidigung der vermeintlich leichten Töne hat der Dirigent nämlich nachgerechnet. Während bei Bruckner-Symphonien rund 20 Melodien erklingen, seien es in diesem Konzert rund 200 - und ebenso viele Tempowechsel. Was laut Welser-Möst auch heißt: "Alle 20 Sekunden kann etwas schiefgehen."

Wovon freilich nicht auszugehen ist. Immerhin wickelt Welser-Möst sein zweites Neujahrskonzert im Großen Musikvereinssaal ab, das Orchester gar Nummer 73. Zur Langeweile-Prophylaxe sind andererseits gleich elf Nummern neu im Programm. Welser-Möst, "von Natur aus neugierig", mengt ganze sechs Werke von Josef Strauß bei - auch dessen "Sphären-Klänge", die frappant an Richard Wagner erinnern. Und der ist diesmal ebenso vertreten (Vorspiel zum dritten Aufzug "Lohengrin") wie Verdi (Ballettmusik "Don Carlo"), weil das 200. Geburtsjahr der beiden Opern-Ikonen beginnt. Dass die Verbindung mit dem Walzerrepertoire "keine konstruierte" ist, wie Philharmoniker-Chef Clemens Hellsberg sagt, beweist beim Konzert nicht zuletzt eine "Melodien-Quadrille" Johann Strauß’ mit Motiven aus Verdis "Macbeth".

Forschung nicht behindert

So heiter man sich durch die Geschichte spielt, so dissonanzenreich kann aber die reale Auseinandersetzung mit ihr sein: Der Grüne Harald Walser kritisierte nicht zum ersten Mal kurz vor einem Jahreswechsel, das Orchester verhindere eine kritische Aufarbeitung seiner Rolle während der NS-Zeit, in der das Walzer-Konzert erstmals stattfand. Hellsberg widerspricht: Wer das Philharmoniker-Archiv beforschen will, erhalte uneingeschränkten Zugang. Dies beweise etwa Fritz Trümpis Buch "Politisierte Orchester": 2011 erschienen, analysiert es detailliert die Rolle der Wiener und Berliner Philharmoniker während der NS-Zeit. Ab Mai werde es außerdem eine neue Philharmoniker-Homepage geben, die sich auch diesem Kapitel widmen soll.

Konzert live am 1. Jänner ab 11.15 Uhr auf ORF2 und Ö1.