Schon bevor der erste Ton erklang, bot sich dem Konzerthaus-Publikum ein beeindruckender Anblick: In so umfangreicher Besetzung waren Symphoniker und Singakademie angetreten, dass die Chormitglieder neben dem Podium im Großen Saal auch den Orgelbalkon in Anspruch nehmen mussten. Anlass dieses Großaufgebots war die traditionelle Aufführung von Beethovens Neunter Symphonie zum Jahreswechsel, die seit bald vierzig Jahren dem dreihundert Meter entfernt zelebrierten Neujahrskonzert ehrenwerte Konkurrenz macht.

Die Leitung hatte diesmal Christoph Poppen inne, dessen Debüt am Pult der Wiener Symphoniker gerade ein halbes Jahr zurückliegt. Mehr als auf große Gesten setzte der 56-Jährige am ersten der drei Beethoven-Abende auf die akkurate Kontrolle des musikalischen Geschehens. Ohne die Metronom-Angabe des Komponisten exakt beim Wort zu nehmen, gab der Deutsche im zweiten Satz ein straffes Tempo vor, das sich im Trio zum wahrhaftigen Presto steigerte.

Im Gegensatz dazu gewährte er im durchaus romantisch angelegten Adagio der Entfaltung expressiver Melodiebögen breiten Raum. Das Finale wartete mit einem Solistenquartett auf, das sich den Zumutungen der Partitur tapfer entgegenstemmte - angeführt von Juliane Banse, die auch am hohen "h" nicht das Gesicht verlor. Vor allem aber gesellte sich hier zum anfänglichen optischen Reiz ein akustischer: Der Schall des Freudenchores blies die Zuhörenden nicht nur förmlich von den Sesseln, sondern brachte ebenso glaubwürdig wie textdeutlich echte Freude zum Ausdruck.