Es gibt Neujahrskonzerte, die förmlich aus dem Sessel reißen. Bei denen still sitzen schwer fällt. Die Bilder von sich in der Drehung bauschenden Röcken und sich im Walzerklang selig wiegenden Paaren heraufbeschwören. Und es gibt Neujahrskonzerte, bei denen die Feinheiten der Musik im Vordergrund stehen, die zum Innehalten und Lauschen animieren. Das zweite Neujahrskonzert unter der Leitung von Franz Welser-Möst gehört in die zweite Kategorie.

Der Generalmusikdirektor der Wiener Staatsoper zeigte sich im Musikverein als kluger Gestalter. Einer, der Kontraste bis in das feinste Detail ausformt, das Eckige und das Schroffe nicht scheut. Sich auf ungetrübte Seligkeit und filigranes Klang-Weben jedoch ebenso versteht. Und der diese Klangebenen ohne jede Effekthascherei zusammenfügt. Es geht ihm nicht um Wohlklang um jeden Preis, sondern darum, die Authentizität eines Werkes auszuloten. Ein Balanceakt, der nur den wenigsten Dirigenten gelingt. Welser-Möst zeigte sich auch als Programmator, dem mehr daran liegt, Neues zu entdecken als auf Ohrwürmer zu setzen.

Dynamischer Ruhepol

So gab es 2013 elf Neujahrskonzert-Uraufführungen - so viele wie nie zuvor. Sowie das Debüt zweier Opern-Giganten, deren Geburtstag sich heuer zum 200. Mal jährt: Richard Wagner und Giuseppe Verdi.

Die Wiener Philharmoniker und Welser-Möst verstehen einander nach den gemeinsamen Jahren im Orchestergraben der Staatsoper beinahe blind. Wobei der Dirigent als dynamischer Ruhepol wie ein homogener Teil des Orchesters wirkt. Ein Ermöglicher der Musik, ein Gestalter des Klanges. Aber auch einer, der als Vordenker stets außerhalb der Musik bleibt, sich nicht in einen Klangrausch hinein fallen lässt. Das hört man seinen Interpretationen an. Sie bestechen durch den feinsinnigen Fokus auf Details, Facetten und Zusammenhänge. Sein Rausch bleibt jedoch ein kontrollierter, sein Sturm ein durchdachter. Was ihn beim Dirigieren anzutreiben scheint, ist mehr Wissen um, als Neugierde auf die Musik.

Programmatisch stand neben den Jubilaren der familiär mit Welser-Möst verbundene Josef Strauß im Mittelpunkt. Im von Welser-Mösts Vorfahren gegründeten Dommayer in Hietzig damals Casino mit Tanzsaal - brachte der Strauß-Sohn viele seiner Werke zur Uraufführung. Seine kontrastreiche schnelle Polka "Die Soubrette" und seine melodienreiche "Theater-Quadrille" bildeten den leichtfüßigen und charaktervollen Auftakt. Nach den schwärmerischen und zarten Anbahnungen des "Kuß-Walzers" und der glühenden Liebeserklärung "Aus den Bergen" von Johann Strauß Sohn war Franz von Suppés Ouvertüre zur Operette "Leichte Cavallerie" der Höhepunkt des ersten Teiles. Ungarische Leidenschaft, Wiener Charme - das Stück erinnerte daran, dass Wien nicht erst heute ein Schmelztiegel der Kulturen ist. Noch dazu ein sehr fruchtbarer.

Genie und Genie schlägt sich nicht - unter diesem Motto stand Teil zwei, in dem Werke der Strauß-Famile um Wagner und Verdi gruppiert waren. Josef Strauß‘ melodisch weit ausladender Walzer "Sphärenklänge" und die leichtfüßige Polka "Die Spinnerin" leiteten motivisch auf ein mitreißend gespieltes Vorspiel zum 3. Akt von Wagners "Lohengrin" hin. Johann Strauß Sohn bildete mit der "Melodien-Quadrille" und dem Walzer "Wo die Citronen blüh‘n" den Rahmen für Verdis Prestissimo aus der Ballettmusik zu "Don Carlo". Darin zeigte Verdi, dass er das Genre Ballettmusik zwar virtuos beherrscht, wenn auch nicht innig liebt.

Dass der musikalische Höhepunkt trotz des obligaten Finales mit einem eleganten "Donauwalzer" und einem diszipliniert geklatschten "Radetzkymarsch" Wagners "Lohengrin"-Vorspiel blieb, spricht nicht gegen, sondern vielmehr für Franz Welser-Möst und die Wiener Philharmoniker.

Konzert
Neujahrskonzert 2013
Franz Welser-Möst (Dirigent)
Musikverein