Buntscheckiger Wegbereiter: D’Arcangelo in der Neuproduktion "La Cenerentola". - © Staatsoper/Pöhn
Buntscheckiger Wegbereiter: D’Arcangelo in der Neuproduktion "La Cenerentola". - © Staatsoper/Pöhn

Wien. Zugegeben, es ist keine Riesenrolle. Doch während Ildebrando D’Arcangelo im "Don Giovanni" lieber den Herren singt als den Knecht Leporello, gibt er es andernorts eine Nummer kleiner. Wie in Rossinis "Cenerentola": Bei der Staatsopern-Premiere am Samstag mimt der Publikumsliebling den Philosophen Alidoro. "Das ist keine große Rolle. Aber Alidoro ist eine Art Magier, der den Prinzen auf den Weg führt, um die richtige Frau auszuwählen." Und das ist ja auch das Entscheidende in der Opern-Adaption vom Aschenbrödel. Wobei Gioachino Rossini natürlich einiges an tönender Virtuosität beigemischt hat: "Die Arie des Alidoro ist, glaube ich, das Schwierigste, was er für einen Bass geschrieben hat - im ersten Teil cantabile und sehr hoch, im zweiten Teil braucht man viel Wendigkeit." Der Mühe Lohn war für D’Arcangelo aber schon bisher kein geringer: Die "Cenerentola" am Pariser Théâtre des Champs-Élysées - Regie: Irina Brook, Direktion: Dominique Meyer - geriet zum Triumph. Als Staatsopernchef bittet Meyer erneut D’Arcangelo auf die Märchenbühne, jedoch unter anderen Bedingungen: Sven-Eric Bechtolf, derzeit wohl meistbeschäftigter Staatsopern-Regisseur, verantwortet die Produktion. D’Arcangelo streut ihm Rosen: "Er ‚isst die Bühne‘, wie man in Italien sagt. Er weiß genau, was er will. Für uns Sänger ist das wichtig, weil man keine Zeit verliert."

Zeit - das ist auch im größeren Maßstab ein Thema für den Italiener. Der 43-Jährige merkt, dass "sich die Stimme allmählich ändert, schwerer wird". Zwar will er Mozart die Treue halten, "solange ich dazu befähigt bin", streckt die Fühler aber vorsichtig in andere Richtungen aus: Für die nächsten Jahre stehen zwei waschechte "Teufelskerle" auf der Agenda, nämlich der Méphistophélès aus Gounods "Faust" und jener des Berlioz-Pendants. Ob ihn eines Tages auch der heurige Jahresjubilar Richard Wagner locken könnte? "Wenn ich George London höre, bin ich wirklich versucht - aber davor müsste es ‚Klick‘ in meinem Kopf machen."

"Keine Verkehrspolizisten"


Dieses "Klick", das ist eine Art Bereitschaftssignal - entscheidend für den pfleglichen Umgang mit der Stimme. Diesbezüglich wurde der Sänger sensibler. "Seit ich 2003 eine Schilddrüsen-Krebsoperation hatte, die Gott sei Dank gutging, ist es schwer für mich, am Morgen in Proben zu singen. Wenn man singt, ohne bereit zu sein, ist das so, als würde man die Stimme vergewaltigen." Sind die vokalen Kräfte allerdings erst einmal voll erwacht, verströmt D’Arcangelo ein imposantes Klangvolumen - und wähnt sich auch dank seiner Gesangsausbildung sicher. "Mit der richtigen Technik kann man die Stimme einfach nicht killen", sagt er. Was aber natürlich nicht heißt, dass Ruhezeiten für versierte Künstler schierer Luxus wären. D’Arcangelo: "Einmal sang ich an einem Abend den Don Giovanni, am nächsten den Leporello. Am dritten war ich tot."

Eine Erschöpfung, die freilich auch mit der Konzentrationsleistung zu tun hat, die es auf offener Bühne zu erbringen gilt - und mit den Erfordernissen einer modernen Opernregie. "Es ist ja nicht mehr so", sagt der Mann aus Pescara und streckt kurz den einen, dann den anderen Arm deklamierend nach vorn, "dass wir uns auf der Bühne bewegen wie Verkehrspolizisten."

Ob er Regie-Neudeutungen skeptisch gegenübersteht? "Früher war ich da kompliziert, jetzt bin ich wirklich offen. Aber das Regie-Konzept muss für mich völlig klar sein. Und: Ich arbeite lieber mit Regisseuren, die einen völlig neuen Weg einschlagen, als solchen, die vermeintlich librettogetreu inszenieren und dabei in die falsche Richtung gehen."