Sollte sich am Regie-Geschmack so bald nichts ändern - Sven-Eric Bechtolf könnte der Otto Schenk der nächsten Staatsoperngeneration sein. Wer weiß: Die Arbeiten des Mannes aus Darmstadt könnten sich als ebenso unkaputtbar erweisen wie jene Produktions-Fülle, die Schenk seit den 60er Jahren ins Repertoiresystem speiste. Auch Bechtolfs Portfolio ist beachtlich: Für Ioan Holender erarbeitete er Massives wie Wagners "Ring", für Nachfolger Dominique Meyer nun en suite Strauss’ "Ariadne" und Rossinis "Cenerentola" - selbstverständlich stets mit Dekorationen von Rolf und Marianne Glittenberg. Es wäre zu überlegen, ob eine Fixanstellung dieser drei nicht à la longue billiger käme.

Es ist aber natürlich auch in Rechnung zu stellen, dass Bechtolfs Erfolg nicht von ungefähr kommt - und dass er auch nicht allein darauf gründet, dass seine Arbeiten, weil weder Regietheater noch Historienschinken, gegen Kritik der beiden Lager gewissermaßen imprägniert sind. Bechtolfs Kunst beruht auch auf der Fertigkeit, das Handlungsgetriebe einer Oper durch psychologische Feinmechanik zu befeuern. Das ist nun auch in Rossinis "Aschenbrödel" evident. Da wäre etwa Don Magnifico, Stiefvater einer märchenhaften Putzfee wider Willen, der in Erwartung eines steilen Sozialaufstiegs vom launenhaften Eigenbrötler zum wunderlichen Protzer mutiert. Oder Alidoro, hier gewissermaßen ein Gegenstück zum Don Alfonso aus "Così fan tutte": Wachsen dem Mozart-Philosophen bei seinem bösen Liebesexperiment mitunter magische Kräfte dank der Regie zu, hat Bechtolf damit nun den Rossini-Philosophen aufgerüstet: Sein zerstreut-weiser Alidoro darf auch telekinetische Kunststücke im Dienste eines Happy Ends aufbieten.

An diesem Endpunkt angelangt, mag zwar mancher Märchenfreund ergrimmt sein: Cenerentola trägt dann nämlich immer noch ihre Mauerblümchenbrille, erweist sich gewissermaßen als verwandlungsunfähiges Aschenbrödel. Ihre ursprüngliche Sehnsucht - die große Liebe um der inneren Werte willen - wird dadurch aber umso glaubhafter realisiert.

In der Hummer-Republik

Es hieße freilich, den Wald vor lauter Bäumen zu übersehen, ließe man das zentrale Motiv dieser Premiere beiseite. Und dies ist: Pepp! Nur ist Bechtolf zu diesem Behufe nicht immer sehr wählerisch. Gewiss hat es Charme, wenn er die Mär in eine fiktive Bananen-, besser gesagt Hummer-Republik verlegt, wo das Schalentier dann im Wappen prangt und ein Oldtimer-Fuhrpark im Keller des Staatschefs (respektive Prinzen). Man fischt in diesem italienischsprachigen "San Sogno" der 50er Jahre aber auch emsig nach billigen Pointen: Da tummeln sich Gelati-Mann und Transvestiten (?), lockt ein halbnacktes Frauenhinterteil (das rasch einen Hieb erhält); und es kommt auch wieder einmal der Gag vom senkrechten Bett samt Schläfer zum Einsatz (zuletzt gesehen: Stockerauer Festspiele, 2011).

Ja, eh - auch das ist Entertainment. Wenn Bechtolfs letzte Umbaupause aber 15 Minuten vor Schluss (!) stattfindet, sackt die luftige Komödie wie ein missglücktes Soufflé ein.

Auch die Sängerschaft schlägt sich medioker: Da prunkt zwar Ildebrando D’Arcangelo mit seinem reichen Bass, meistert die heiklen Höhen der Alidoro-Arie. Und Alessandro Corbelli verleiht Cenerentolas Stiefvater jene wunderlichen Facetten, die in der gebotenen Rasanz noch mehr schillern. Ansonsten aber ist kaum Außergewöhnliches zu erlauschen: Valentina Nafornita und Margarita Gritskova verkörpern anstandslos die schönheitsfanatischen Schwestern; Tara Erraught verleiht Cenerentola eine leichtgängige, aber wenig leuchtstarke Stimme, die am letzten Spitzenton scheitert. In dieser Region hat auch Dmitry Korchak mitunter Mühe, kann als Traumprinz aber mit hellem Schmelz reüssieren. Dirigent Jesús López-Cobos hält, salopp gesagt, den Ball flach: Mit niederschwelliger Lautstärke entsteht ein Rossini an der Grenze zwischen Finesse und Fadesse. Das neueste Bechtolf-Produkt geht trotzdem erfolgreich in Serie: Nur wenige Buhs spickten den Applaus.