Handeln wir das Vorgeplänkel rasch ab. Giacomo Meyerbeer (1791-1864) wuchs in Berlin auf, spielte früh Klavier, reiste fleißig durch die damalige (Opern-)Welt - vor allem nach Italien -und landete schließlich in Paris als sehr erfolgreicher Schöpfer monumentaler Werke. Er war Jude, wohlhabend, innovativ und wurde bald frenetisch gefeiert.

Starker Tobak mit einem exzellenten Solistenensemble in Szene gesetzt. - © Foto: D. Wuschanski/Die Theater Chemnitz
Starker Tobak mit einem exzellenten Solistenensemble in Szene gesetzt. - © Foto: D. Wuschanski/Die Theater Chemnitz

Für einen weiteren, komponierenden Zeitgenossen gab es damit gleich vier Gründe, Meyerbeer zu hassen. Der Tonsetzer hört auf den Namen Richard Wagner, seine anfängliche Bewunderung schlug bald in aggressive Ablehnung um. Meyerbeers Musik sei "Wirkung ohne Ursache", so Wagners absch(l)ießendes Diktum. Was folgte und bis weit in unsere Zeit hinein reicht, ist große Skepsis gegenüber Meyerbeer.

Meyerbeers letzte Oper trägt den Titel "L’Africaine" und wird gelegentlich gespielt. Der Komponist selbst hat sein Werk nicht mehr auf der Bühne erlebt, weil er einige Monate vor der Pariser Uraufführung starb. Auch (Star-)Librettist Eugène Scribe war da bereits tot. Scribe und Meyerbeer schufen ein gewaltiges Spektakel um den portugiesischen Eroberer Vasco da Gama, lassen ihn Schiffbruch erleiden, wegen Amtsbeleidigung einkerkern und zwischen zwei Frauen hin und her taumeln, der wohlbehüteten und gut betuchten Inès und der schwarzen Sklavin Sélika.

Letztere tritt oft mit den ebenfalls schwarzen, versklavten Nélusko auf, der Vasco zu ermorden versucht. Am Ende stirbt er freiwillig, als sich Sélika vergiftet, weil sie Vascos Liebe nicht bekommen kann. Da sind alle mittlerweile von Lissabon nach Indien (was hier mit Augenzudrücken als Afrika durchgeht) gereist, zwischenzeitlich gekentert und Sélika entpuppt sich als Prinzessin. Starker Tobak ist das, den Jakob Peters-Messer in Chemnitz erst etwas statisch, dann zunehmend wirkungsvoll in Szene setzt. Weil es sich bei "Vasco de Gama" (so heißt "L’Africaine" in dieser Fassung) um eine veritable Grand Opéra handelt, fehlt auch das Ballett nicht. Anke Glasow verdoppelt oder kommentiert in ihrer Choreografie die Handlung recht geschmackvoll.

Brausende Musik ohne Knalleffekte


Und die Musik? Die braust unter der kundigen Leitung des Chemnitzer Generalmusikdirektors Frank Beermann mächtig auf, wobei Beermann nicht jede Möglichkeit zum triumphalen Knalleffekt nutzt, oft bewusst eine mildere Gangart wählt. Dadurch werden feinste Klangmischungen hörbar. Es gibt singende Flöten, exotisch knisternde Flächen, frappierende rhythmische Auftürmungen. Und man merkt, wo sich Kollegen Meyerbeers für ihre Stücke bedient haben, von einschlägigen Italienern über Bizet bis zu Wagner.

Frank Beermann gelingt eine nahezu perfekte Umsetzung der komplexen Partitur, der Musikwissenschafter Jürgen Schläder hat aus dem gesamten Notenmaterial eine so noch nie zu hörende, mit Pausen knapp fünfeinhalbstündige Fassung erstellt. Recht ordentlich waren die von Simon Zimmermann einstudierten Chöre, durchgehend exzellent das Solistenensemble: Bernhard Berchtolf meistert die ungeheuren Anforderungen der Titelpartie mit Ausdauer und Schönklang, Guibee Yangs jugendlich-glasklare Inès ist ebenso eine Wucht wie Claudia Sorokinas formschön schmachtende Sélika und der grimmig brummende Nélusko von Pierre-Yves Pruvot. Seine Rolle rutscht übrigens szenisch immer wieder in den Buffo-Bereich, was Musik und Text vermutlich so nicht intendierten. Im eher kargen Bühnenbild von Markus Meyer werden die Sklaven anfangs in einem Glaskasten zur Schau gestellt, später befindet dort eine Pflanze, an deren Duft beide sterben. Videoeinblendungen deuten die jeweiligen Spielorte an.

Wenn man Relevanz und Umfang dieses Projekts betrachtet, so darf man mit Fug und Recht von Chemnitz als einem sächsischen Paris sprechen. Den reizvolleren Spielplan (was Neuproduktionen betrifft) als die von Nicolas Joel geleitete Opéra de Paris hat Chemnitz ohnehin.