"Wenn Sie wollen, können Sie sich auch erheben" - dass Dirk von Lowtzow im regulären Konzertteil allerdings niemand folgen will, belegt eines ganz gut: Noch ohne über eine etwaige "Ankunft in der Hochkultur" oder die (von Lowtzow als These mindestens enervierende) Bürgerlich-Werdung seiner Band zu sprechen, hat man sich doch erst einmal an die Rahmenbedingungen zu gewöhnen. Tocotronic im Burgtheater? Die Idee ist gut, doch beweisen die synchron zur Musik ins iPhone geklopften Reflex-Tweets aus dem Saal, dass wir nur zu Teilen auch schon bereit dafür sind.

Fan-Nostalgie

Immerhin wurde die vor mittlerweile 20 Jahren gegründete Band dafür bekannt, das geistige Erbe von Punk mit der nötigen Verweigerungshaltung im deutschsprachigen Garagenrock fortzuführen. Zu forsch aus dem Probenkeller scheppernden Songs mit Hang zur Parole ging es bei Tocotronic immer auch und gerade um das entschiedene "Nein!" zu einer Welt, deren Rahmenbedingungen nicht die der jungen Leute sein konnten. Dazu kam das von Erwachsenen schwer nachvollziehbare Problem, die zu viele Zeit mit zu wenig Ereignisreichtum gefüllt zu bekommen. Slackertum, Tagtraum, Bubendummheit und erste Liebe als Teil einer Lebensphase, die über den im Pop ohnehin problematischen Begriff des Erwachsenwerdens allerdings schwer von Dauer sein konnte.

Wie im Burgtheater auch spätere Songs wie "Aber hier leben, nein danke" oder das die Selbstaufgabe als subversives Element neu deutende "Kapitulation" untermauern, ist die Band ihrer kritischen Haltung von einst zwar grundsätzlich treu geblieben. Während mit mehr Text heute aber weniger ausgesagt wird und der lyrische Manierismus von Lowtzows dem Inhalt nicht zwangsläufig entgegenkommt, bezeugen vor allem die längst von der Heimgarage in Richtung Kunstgalerie getriebenen Songs selbst den tatsächlichen Reifungsprozess. So facettenreich und elegant wie auf dem aktuellen und zehnten Album "Wie wir leben wollen", dessen bisweilen zurückgenommene Klasse man nicht mit Altersmilde verwechseln sollte, haben Tocotronic zuvor noch nicht geklungen.

Der dichte Sound der neun daraus gegebenen und zuletzt verstärkt auch an Klangarchitektur interessierten Songs weist live zwar mehr Leerstellen auf - wie grundsätzlich behauptet werden kann, dass dem auch als Schauspiel betrachtbaren Abend mit Tocotronic als eh grundsoliden Rockband-Mimen der nötige letzte Nachdruck fehlt. Dank Rick McPhails konziser Arbeit an Gitarre und Vintagetasten gelingt die aktuelle Standortbestimmung mit dem nach Nashville blickenden "Chloroform" und durchaus 60er-Jahre-affinen Songs wie "Ich will für dich nüchtern bleiben" und "Exil" aber auf eine angenehm unnostalgische Weise. Mögen Hymnen wie "Jackpot" als alles definiert habende Klassiker und Substrat der (seinerzeitigen) Tocotronic auch eingestreut werden, wird - dem aktuell zu feiernden Bandjubiläum zum Trotz - weitgehend der Gegenwart gehuldigt.

Dass diese mit der Gewahr-Werdung des eigenen Alterns einhergeht, soll nicht weiter stören. Mit von Lowtzow als hübsch ergrautem Helden einer Generation 30 plus, die sich über Songzeilen wie "Hey, ich bin jetzt alt! Hey, bald bin ich kalt!" gerade noch wundern darf, erklären Tocotronic auch an einem mittelprächtigen Tag, wie man seine Jugend im Popbetrieb gewinnend hinter sich lassen kann.

Auch aufgrund der zahlreichen in Gedanken immer noch 17-jährigen Fans, die bei "Freiburg" und "Drüben auf dem Hügel" erst im Revival-Block aus dem Scheinkoma erwachen, herrscht im klassischen Theatersprech die längste Zeit dennoch nur eines: freundlicher Applaus.