Madrid. Selten wurde am Madrider Teatro Real eine Opern-Premiere mit so viel Spannung erwartet wie am Samstag Michael Hanekes "Così fan tutte". Aber es kommt natürlich auch nicht jeden Tag vor, dass eine Mozart-Inszenierung Premiere feiert und zudem noch das Werk des derzeit wohl bekanntesten österreichischen Filmregisseurs ist. Kurz vor Beginn versuchten noch Dutzende Fans vergeblich, Tickets zu ergattern. Und das, obwohl Haneke im Vorfeld mehr als bemüht war, die hohen Erwartungen herunterzuschrauben. An großen Künstlern wie Mozart könne man nur scheitern. Die Frage sei lediglich, auf welchem Niveau man dies tue, erklärte er auf einer Pressekonferenz.

Die bejubelte Premiere am Samstag gab die Antwort auf seine Frage. Wie schon 2006 bei seiner ersten Mozart-Oper "Don Giovanni" ist Haneke erneut auf sehr hohem Niveau "gescheitert". Der Erfolg lag vor allem darin, dass der bekennende Mozartliebhaber sich und seiner Arbeitsweise treu geblieben ist. Wie in seinen Filmen gibt Haneke auch auf der Opernbühne den Posen und nonverbalen Interpretationen seiner Figuren eine ganz besondere Bedeutung. Plötzlich steht Don Alfonso, der nach einer Wette Ferrando und Guglielmo dazu überredet, die Treue der beiden Schwestern Dorabella und Fiordiligi auf eine Probe zu stellen, wie ein Dirigent minutenlang mit dem Rücken zum Publikum, um die anderen Figuren wie Marionetten über die Bühne zu bewegen.

Mit Anett Fritsch (Fiordiligi), Paola Gardina (Dorabella), Andreas Wolf (Guglielmo) und Joan Francisco Gatell (Ferrando) hatte Haneke zwar junge, unbekannte, aber musikalisch und schauspielerisch hervorragende Künstler ausgewählt. Haneke hat sich mit "Così" auseinandergesetzt, und es ist zweifelsohne gelungen, den Zuschauern das abgründige Beziehungsspiel Mozarts glaubhaft und auch zeitgenössisch zu vermitteln. Vor allem zeigt er, dass jugendliche Liebe zerbrechlich, wild, aber auch feige und zerstörerisch sein kann.

Ein Ende ohne Lichtblick

Die ganz in Weiß gehaltene Bühne stellt eine modern eingerichtete Villa aus dem 18. Jahrhundert mit Kamin und verspiegeltem Barschrank dar. Unterdessen tragen einige Figuren Trachten aus dem 18. Jahrhundert, andere hingegen sind modern gekleidet. Da kommt es schon auch vor, dass Despina die vermeintlich vergifteten Jünglinge mit einem iPad reanimiert oder Don Alfonso sich am Barschrank betrinkt und Zigaretten raucht, während er aus der Ferne den Treuekonflikt der beiden Schwestern beobachtet.

Haneke hatte keinen Zwang, etwas ganz Neues auf die Bühne zu bringen. Er wollte aber überraschen. So hält bei ihm die eigentlich treuere Fiordiligi den Annäherungsversuchen des bekannten Fremdlings in einem provozierenden Kleid in verführerischem Rot stand, während die willensschwächere Dorabella in einem selbstbewussten Outfit mit schwarzem Hosenanzug und modernem Kurzhaarschnitt in die Falle tappt. Dass Hanekes Oper nicht mit einem positiven Lichtblick endet, überrascht hingegen nicht.

Leider konnte Haneke am Samstag nur aus dem fernen Los Angeles verfolgen, wie das Madrider Publikum seine Inszenierung zerbrechlicher Jugendliebe feierte. Denn er war bereits auf der anderen Seite des Atlantiks, um sich für seine Inszenierung einer ganz anderen Liebe, der unerschütterlichen und aufopferungsvollen "Liebe" auf der Oscar-Gala feiern zu lassen. Dafür entschuldigte er sich per Brief beim Publikum und bat: "Wenn es Ihnen gefällt, halten Sie mir für die Oscars die Daumen. Wenn nicht, dann bitte ebenso."