Das Leben ist ein Auf und Ab. Anleger kennen das von den Kursschwankungen an der Börse, Skispringer und Lift-Wartungstechniker von der täglichen Arbeit und der durchschnittliche Wiener von der Tatsache her, dass eigentlich eh alles recht lässig sein könnte, wenn nur die Leute nicht wären und man auch sonst seine Ruhe hätte.

Generationen von Folksängern wiederum kultivieren diesbezüglich den Topos des kleinen Mannes in der großen Welt, die ihm einen Hindernisparcours der Mühseligkeit in den Lebensweg stellt. Berge müssen bezwungen und Täler durchschritten werden, ehe das gelobte Land als staubfuselgroßes Korn am Horizont erkennbar wird. Der einsame Wanderer benötigt nun lediglich Weitsicht, um von der Aussicht zur Einsicht zu kommen - eine solche könnte lauten, dass es dort hinten vielleicht eine schöne Tasse Kräutertee gibt, wenn die Widerstände des Wegs überwunden oder die Versuchungen einer als bedrohlich empfundenen Welt erst ausgeschlagen sind. Man kann das so oder so ähnlich auch bei Cat Stevens alias Yusuf Islam nachhören.

Herzerwärmung

Die aus London stammenden Folk-Rock-Adepten Mumford & Sons beschwören auf ihrem zweiten und zuletzt mit zwei Grammy Awards ausgezeichneten Album "Babel" artverwandte Bilder. Im Wiener Gasometer wird ein (zumindest bei den Hits) für die Stadt ungewohnt enthusiasmiertes Publikum merkbar auch von einem Sog aus Herzerwärmung und Erbauung von den Sesseln gerissen. Punk war, als heute gut situierte Männer in Zeiten des wirtschaftlichen Aufschwungs gegen alles und deine Mutter sein konnten. In der nüchternen Realität des Hier und Heute hingegen lassen sich junge Menschen gerne auch von puritanischen Folk-Rockern Hoffnung spenden, wenn wieder einmal alles "ur zach" ist und sich der Papst gerade in die Pensi vertschüsst.

Bei den nicht selten auch als lustfeindlich lesbaren Texten des Quartetts darf nicht darauf vergessen werden, dass die Eltern von Mastermind Marcus Mumford in Großbritannien und Irland der protestantischen Vineyard-Gemeinde vorstehen. Der solchermaßen alles andere als verlorene Sohn und seine nicht mit ihm verwandten Brüder im Geiste, sie singen gleich zum Auftakt entsprechend von der Stärke, die es im Leid zu finden gäbe und davon, dass wir nur gemeinsam auch wirklich zusammener sind. Unter einem von Glühbirnen errichteten Sternenhimmel hören wir das Lied vom "Aua" im Herzen und einer Durststrecke, an deren Ende ein Quell der Wiederaufrichtung lauert. Ja, tatsächlich, wir haben es bei Mumford & Sons mit der perfekten Band für das vom Hallenpersonal ausgegebene Abendmotto "absolutes Rauchverbot, keine Getränke und die Jacken sind heute ausnahmslos an der Garderobe abzugeben" zu tun.

Andachtsmesse

Auf der Bühne präsentiert sich das Quartett, unterstützt von einer dreiköpfigen Bläserabordnung und einem Mann an der für Bewegtheit und Pathos sorgenden Geige, als ebenso hemdsärmelig wie breitbeinig. Mit zuarbeitendem Akkordeon, drastischem Klaviergebrauch, Hochgeschwindigkeits-Banjo und Marcus Mumford als schlagzeugspielendstem Frontmann der Welt ist die Stimmung bei "Babel", "The Cave" oder "Little Lion Moan" und somit vor allem bei den prototypischen Hymnen entfesselt, für deren Wirkung mit Markus Dravs der Produzent von Coldplay und Arcade Fire verantwortlich zeichnet. Zahlreiche Lagerfeuerballaden aber drosseln den Festcharakter des Abends immer wieder in Richtung einer auf Innigkeit bedachten Andachtsmesse, ehe "Dust Bowl Dance" als alttestamentarisches Racheepos oder das gar grässliche Prog-Intro vor "Thistle & Weeds" für weitere Nuancierungen sorgen.

Nach 93 letztlich im Dienste der frohen Botschaft stehenden Minuten zeigt sich das Publikum hörbar begeistert - der kritische Beobachter hingegen ahnt Schlimmes für den Pfad zur Erlösung: Dieser Weg wird kein leichter sein!

Popkonzert

Mumford & Sons

Wiener Gasometer