Oster-Ritual: Tomasz Konieczny (M.) als Amfortas. - © Staatsoper/Pöhn
Oster-Ritual: Tomasz Konieczny (M.) als Amfortas. - © Staatsoper/Pöhn

Auch er war kein Heiliger - jedenfalls nicht nach eigenem Ermessen. Birnen hat er gestohlen, bekannte der heilige Augustinus. Auf etlichen Seiten seiner "Confessiones" geißelte sich der Kirchenvater einst - für einen Bubenstreich.

Man könnte es eine Ironie der Geschichte nennen, dass ausgerechnet ein Nietzsche-Weggefährte einen ähnlichen Läuterungsmarathon für die Oper geschaffen hat: Die Gnade Gottes, sie ist in Wagners "Parsifal" nicht leicht zu erhaschen, sie winkt nach Selbstzerfleischung und beinharter Askese. So fundamentalistisch das klingt, ergibt es innerhalb dieses Opernkosmos doch Sinn: Wenn der Gralsritterorden nach Erlösung darbt, muss ein Heilsbringer von höchster Grals-Tugend her: Alltagsreligiosität zeugt da kein Wunder.

Gerade mit dem Alltag hatte die traditionelle Aufführung des "Parsifal" am Gründonnerstag aber zu kämpfen. Franz Welser-Möst, Musikdirektor der Staatsoper, hatte zuletzt vor allem an der Wiederaufnahme von Bergs "Wozzeck" zu feilen, der dann auch mit reichlich Beifall vonstatten ging. In den "Parsifal" ließ sich da kaum die gleiche Energie pumpen. Und genau dieser Umstand macht einen Vergleich unseriös, so sehr er in Pausengesprächen auch angestrengt wurde - nämlich mit der "Parsifal"-Premiere bei den Osterfestspielen mit Christian Thielemann und der Sächsischen Staatskapelle Dresden.

Wobei: Über die Klangästhetik der beiden Dirigenten, den Sound der Orchester lässt sich natürlich reden - auch wenn man sich davor hüten sollte, aus dem süffigen Klang der Wiener Philharmoniker ein musikalisches Córdoba abzuleiten. Stimmt zwar: Die seidige Streicher-Schwelgerei an der Staatsoper brachte den "Karfreitagszauber" eindeutig mehr zum Leuchten, und gerade diese Sinnlichkeit bescherte den asketischen Handlungsträgern paradoxerweise eine gefühlte Erlösung. Doch in diese Schönklang-Konkurrenz hatte sich Thielemann gar nicht begeben: Mit den Sachsen hatte er ein vor allem intimes, auch gesanglich detailorientiertes Klangbild evoziert, wie es sich im Alltag kaum erzielen lässt.

Passable Sängerschaft


So sehr man Welser-Möst an manchen Stellen dafür danken konnte, mehr Drive zu entfachen und Lautstärke-Schleusen zu öffnen, schlug diese Dynamik den Sängern nicht unbedingt zum Vorteil aus: Vor allem der helle, spannungsvolle Tenorklang des Einspringers Christopher Ventris (Parsifal) wurde bisweilen vom Orchester-Sound überflutet. Evelyn Herlitzius dagegen hätte womöglich auch unter einer anderen Klangregie Durchsetzungsprobleme gehabt: Ihren Worten gebricht es an Verständlichkeit, den tiefen Tönen an Volumen und ihrer Darstellung an der bitter nötigen Kundry-Präsenz - auch wenn sie die Spitzentöne markant herauskatapultiert. Ein dämonischer Klingsor war auch heuer Wolfgang Bankl, während sich Kwangchul Youn verlässlich durch die lange Rolle des Gurnemanz orgelte und Tomasz Konieczny (Amfortas) zumindest dann auftrumpfte, wenn er jenen verhangenen Klang abschütteln konnte, der seine Stimme im Piano zu ummanteln schien. Viel Beifall, vor allem für Welser-Möst.